Nominativfragen

Ich glaube, wer ich bin, die kann ich langsam leiden, nach zähen Jahren und viel Kampf bis ich endlich soweit war.

Und ich glaube, dass mir das unter anderem so schwer fiel dahinzukommen, mich zu mögen, mir überhaupt zuzugestehen, dass ich das darf, weil ich seit frühester Kindheit gelernt habe, dass es immer nur um das ‚Was‘ ging. Was ich machte, war entscheidend für Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Reaktion, nie genügte es, einfach nur ich zu sein.

Und deswegen habe ich immer das Gefühl, danach bemessen, bewertet und wahrgenommen zu werden, was ich mache. Dass ich dahingehend einen Schlag weghabe, zeigt sich schon in den kleinsten Dingen: Kündigt sich zB Besuch an, glaube ich, die Wohnung müsse auf Hochglanz poliert sein (als ob mir das je gelänge!) und die Küche müsse irgendetwas möglichst Tolles ausgespuckt haben. Ich habe nie das Gefühl, dass es genügt, wenn ich einfach nur mit ’ner Kaffeetasse in der Hand da bin und mich mit dem Gast unterhalte. Und ich glaube, bisweilen, wenn es mir nicht gut geht und ich mich wieder mal völlig minderwertig fühle, verstecke ich mich auch hinter diesem ‚Was‘, hoffe dass dann niemand merkt, dass an mir selber gar nichts Liebenswertes ist, wo ich doch so leckere Kuchen backen kann.

Vor Jahren sagte mir eine Freundin im Chat als ich zappelig auf Besuch wartete und hyperventilierend die Wohnung putzte, ‚Der kommt doch nicht, um zu kontrollieren wie sauber deine Türklinken sind, sondern um dich zu sehen.‘ und obwohl das so einleuchtend offensichtlich klingt, muss ich mir diesen Satz immer wieder vorsagen und mich jedes Mal wieder darauf konzentrieren, dass da was dran ist, um dieses hyperventilierende Rumwuseln loszuwerden.

Ich mag mich mittlerweile (oft/manchmal/gelegentlich/meistens/hin und wieder/selten/immer noch nicht  – je nach Stimmung sind die alle wahr, weil meine Wahrnehmung da mit der Stimmung mitschwankt), aber ich werde das Gefühl nicht los, von aussen immer noch als ‚was‘ wahrgenommen zu werden und das ist es, was mich so unsicher macht und mich mich so klein fühlen lässt. Weil ich das nicht mag. Weil ich da so wenig bin, nicht genug, nichts vorzuweisen habe.

Und mir fehlt das Selbstbewusstsein, einfach die Schultern zurück und das Kinn nach oben zu nehmen und (innerlich) zu sagen: Aber hey, guckt doch mal, wer ich bin. Das reicht ja wohl allemal.

Grübelig, Gedanken entwirrend, Kopf auskippend, soifzend.

Katja

Kurz zitiert #15

Und nochmal. Das ist einfach zu schön, um es einfach zuzublättern und ins Regal zu stellen:

„[…] Wo geht sie denn unter, die Sonne?“
„So weit bin ich nicht einmal gekommen“, antwortete Tiuri. „Ich habe aber gehört, dass sie im Meer untergeht.“
„Im Meer? Was ist das, das Meer?“
„Es besteht ganz aus Wasser.“
„Wie ein Bach oder eine Quelle?“
„Nein, viel größer.“
„Wie ein Fluss? Ein See?“
„Noch viel größer“, sagte Tiuri. „Das Meer erstreckt sich weiter, als das Auge sehen kann – so dass du dort nichts anderes siehst als Wasser. Wasser bis ans Ende der Welt.“
„Und darin geht sie unter, die Sonne?“
„Ja.“
Der Narr überlegte kurz. „Das ist gut“, sagte er schließlich. „Dann kann sie sich abkühlen, die Sonne, vom Strahlen, den ganzen Tag lang. […]“

 

(aus Tonke Dragt, Der Brief für den König, Seite 440)

Ich weiss gar nicht, welche Vorstellung ich lieber mag – jene, dass das Meer bis zum Ende der Welt geht oder die sich abkühlende Sonne nach einem langen heissen Tag. Hachz. ♥

Katja