Katja no va al trabajo

Seit Dienstag Abend ärgere ich mich wieder mal über mich selber. Ärgere mich, dass ich mich von so banalen und kleinen Dingen so ins Bockshorn jagen lasse und muss mir immer wieder einreden, dass das vermutlich wieder mal alles nur in meinem Kopf stattfindet und gar nichts damit zu tun hat, was ausserhalb stattgefunden hat.

Ich liebe es Spanisch zu lernen, aber ich hasse dieses bescheuerte Lehrbuch, das so häufig dazu auffordert, Auskunft über die persönlichen Lebensumstände zu geben. Selbst, wenn man sowas Schnödes wie die Uhrzeit lernt, gibt es dazu eine Übung, die verlangt, eine Liste vom Nebenmann anzufertigen, wann er frühstückt, zu Mittag isst, fernsieht und all diese Dinge. Und wann er zur Arbeit geht und wann er Feierabend hat. Und schon beim Anblick dieser doofen Liste im Buch, die alle Punkte erfasst, merke ich, wie mir flau im Magen wird. Obwohl das ja nun nicht das erste Mal ist, dass es um das Thema geht und obwohl ich mittlerweile mit einigen anderen Teilnehmern so persönliche Gespräche geführt habe, dass ich ein wenig von mir und meinen Lebensumständen erzählt habe.

Und dann werden reihum die Werte präsentiert und ich höre meinem Nebenmann zu, wie er auf Spanisch erzählt, dass ich keinen Feierabend habe, weil ich nicht arbeite und ich fühle mich von Blicken, besonders von einem neueren Kursteilnehmer, durchbohrt und ich merke, wie mir das Blut in die Wangen schießt und muss mich zusammenreissen, nicht loszuheulen und rauszulaufen oder wenigstens unter dem Tisch in Deckung zu gehen.

Und es fällt mir schwer, mich selber an den Schultern zu schütteln und mir zu sagen, dass der Blick ja vielleicht gar nicht vorwurfsvoll durchbohrend sondern einfach interessiert war. Und auf der Heimfahrt im Auto fällt mir auf, dass selbst wenn er bohrend gewesen wäre, ich mir das doch eigentlich gar nicht zu Herzen nehmen sollte, sondern forsch zurückgucken, weil niemand ein Recht hat, über mich zu urteilen, der fast keine Informationen über mich hat. Und mir fällt wieder mal auf, dass ich es wahrscheinlich eigentlich nur wieder selber bin, die sich verurteilt, klein und wertlos fühlt, in diesen Konventionen gefangen, wann man sich erfolgreich fühlen darf und dass das immer irgendwie mit Leistung und beruflichem Erfolg zusammenhängen muss.

Ich frage mich, wieso ich da nicht mal rauskomme aus diesem Denken. Bei anderen würde ich diese Maßstäbe nie anlegen, die ich bei mir selber anlege. Ich wünsche mir so sehr, es mit einem selbstbewussten Lächeln hinzubekommen, wenn ich über solche Themen Auskunft geben muss. Oder wenigstens, dass ich dann einfach eine Geschichte erfinden könnte, hinter der ich mich verstecken könnte. Aber letzteres würde meinem ganzen Wesen so zuwiderlaufen, dass ich damit vermutlich noch unglücklicher wäre. *soifz*

Ich liege keiner Öffentlichkeit auf der Tasche. Ich habe niemals in all den Jahren auch nur einen Cent Unterstützung von irgendeiner Stelle bekommen, in Zeiten, als es wirklich nötig gewesen wäre, hätte ich mich eh niemals getraut, irgendwo etwas zu beantragen. Und trotzdem fühle ich mich stets schuldig in der Öffentlichkeit, der Gesellschaft gegenüber, fühle mich gemustert, taxiert, bewertet. Würde am liebsten, wenn ich sage, dass ich nicht arbeite, hinterherrufen ‚Aber ich bekomme keine Unterstützung.‘ oder ‚Aber ich sitze nicht den ganzen Tag auf dem Sofa und gucke quasi nie fern.‘ oder ‚Aber ich bin krank und es ist nicht so, dass ich nur einfach nicht will.‘. Aber dafür ist in diesem Rahmen, in dem ich solche Dinge über mich preisgeben muss nie der Raum. Da geht es nur um die Eckdaten, nicht um den Menschen dahinter. Und für die schäme ich mich immer noch, weil in meinem Kopf immer noch dieses Tohuwabohu herrscht, das dafür sorgt, dass ich mich als Vollversagerin fühle, weil mich ein ’normales‘ Leben, wie es nunmal üblich ist schon so lange und immer noch überfordert.

Und ich frage mich, woher dieses Bild in meinem Kopf kommt, von dem ich glaube, dass es jemand von mir haben könnte. Zumal ich das überhaupt nicht von anderen habe. Ich käme nie auf die Idee, wenn mir jemand erzählt, dass er nicht arbeitet, ihn mir den ganzen Tag auf der Couch sitzend vorzustellen. Aber trotzdem habe ich immer diese Angst, so wahrgenommen zu werden – als eine, die ja gar nicht will. Ich komme einfach nicht dahinter, wieso ich solche Gedanken von anderen erwarte, obwohl sie mir selber fremd sind. Und selbst, wenn (oder falls) mich jemand so wahrnehmen würde – auf das Urteil von so jemandem sollte ich mich doch gar nicht angewiesen fühlen. Was weiss der schon von mir?
Danke Theorie – könnte sich das bitte auch ein bisschen in mein tatsächliches Denken und vor allem Fühlen eingraben?

Ich glaube, hätte ich vorher geahnt, dass dieses Buch an so vielen Stellen Auskünfte über die persönlichen Lebensumstände fordert, ich hätte den Kurs nie begonnen. Und verflucht, eigentlich sollte ich gerade nicht heulend elend wie ein Drops hier hocken sondern stolz darüber sein, dass ich trotzdem immer noch und immer wieder hingehe und nicht aufgebe, um solchen Abenden wie letzten Dienstag und solchen Tagen voller Gedankenchaos, die darauf folgen, zu entgehen.

Katja

17 Kommentare zu “Katja no va al trabajo

  1. heyy Katja 🙂

    ich hab ja gesagt, ich les alle deine Beiträge.. die meisten kommentiere ich nicht. Diesen schon.

    Du weisst ja, ich war selber lange Zeit arbeitslos.. und tatsächlich ist es mir auch immer extrem unangenehm gewesen zu sagen „ich bin arbeitslos“

    ich glaube, das geht vielen Leuten so.. und deshalb schreiben viele Frauen in sowas rein „ich bin Hausfrau“ – das klingt nicht ganz so negativ behaftet.. denke ich.

    Also dass dir das ungut vorkommt, kann ich gut nachvollziehen.

    Wie ich damit umgeh? Gar nicht. Ich leb damit, dass es sich ungut anfühlt und denk nicht weiter drüber nach, wenn’s erstmal raus ist.

    vermutlich nicht wirklich die Lösung, die für dich in Frage kommt.

    Fühl dich gedrückt
    Schrecken

    • *zurückdrücks* 🙂

      Ich wäre manchmal echt froh, wenn ich das ewig über alles Nachdenken zu müssen, mal abstellen könnte. Also bewusst und ohne, dass ich wiederum viel dafür unternehmen muss, dass der Kopf mal Pause macht. *soifz*

      Danke für’s Piepsen gerade in diesen Momenten! Bin froh, dass es dich gibt. 🙂

  2. Verzwicktes Ding das mit der Theorie und der Praxis. Immer wieder! Und nun würde ich gern das Geheimrezept fürs In-Einklang-bringen in ein Päckchen stecken und zu dir rüberschicken. Grmpf. Ich hab aber leider keins. 😦

    Also knuffel und ärmel ich dich, verfluch die Lehrbuchkonzeptersteller und hoffe, dass der Stolz über das Erreichte die Oberhand behält!!

    • Ja, mit dem Rezept könnte man vermutlich echt reich werden. Wenn ich darüber nachdenke, wie oft ich das anwenden könnte/müsste/würde. *soifzel*

      Ich gebe ja die Hoffnung nicht auf, dass Aufschreiben, laut aussprechen – immer und immer wieder – irgendwann zu Erfolg führen. Herrje, ich würd’s sogar auf einem Fuß hüpfend singen, wenn das helfen würde.

      Ich knuffel und ärmel zurück! 🙂

  3. Ich kann das gut nachvollziehen. Als ich nicht mehr schustern konnte habe ich ja nicht sofort das Studium bekommen. Da gab es auch eine Lücke. Ich habe damals immer wahrheitsgemäß gesagt, dass es für Schuster keine Stellen gibt (und das war ja mit ein Hauptgrund für die berufliche Reha).
    Apropos berufliche Reha: Hast du keinen Anspruch auf so etwas, also eine Berufsfindungsmaßnahme (da wird, wenn sie gut sind, auch getestet, ob du überhaupt noch arbeitsfähig bist) und dann Umschulung? Selbst wenn das nicht so ist, vielleicht könntest du in so Situationen wie oben mal versuchen zu behaupten, du seiest im Genehmigungsverfahren. Du müsstest natürlich testen inwieweit du dich damit wohl fühlst, doch dann blieben wahrscheinlich tatsächliche oder interpretierte seltsame Blicke aus.

    • Ich hab ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, ob ich darauf Anspruch hätte. Ich war ja nie auch nur krank gemeldet oder dergleichen. Ich hab einfach aufgehört zu studieren und mich danach nie an irgendeiner Stelle gemeldet oder irgendetwas beantragt.
      Ich hatte schon überlegt, ob ich mich mal beim Arbeitsamt umtue wegen einer Berufsfindung. Mir macht das aber alles noch wahnsinnige Angst. 😦
      Ob das etwas ändern würde an dem Empfinden? Ich weiss es nicht.

  4. Zuweilen kommt es mir so vor, als wenn Menschen ihre Mitmenschen immer in irgendwelche Schubladen packen müssen; dass sie sich immer ´n Kopf machen müssen. Letzt erzählte mir eine Bekannte, dass sich meine Nachbarin von Gegenüber ´n Kopf gemacht hat, warum bei uns der Vorhang an einem Tag nicht aufgezogen war. Ich meine, hallo, ich kann doch meine Gardinen auf- und zuziehen, wann und wie es mir passt. Wir wohnen hier erst kurze Zeit, und ich kenne die Dame nicht. Trotzdem interessiert die sich für meine Gardinen…

    Es kommt mir so vor, als wenn sehr viele Leute einen bewerten, taxieren, einstufen… Selbst wenn man kein einziges Wort mit ihnen gewechselt hat – man landet in irgendeiner Schublade… in deren Schubladen. In den Schubladen der anderen, die sich ihre Weisheit über mich selber machen. Sie werten oder urteilen gar und das, ohne mich zu kennen, ohne jemals ein Wort mit mir gewechselt zu haben.

    Und natürlich tun sie das auch, wenn sie etwas über mich erfahren. Sei es, weil ich es ihnen erzählt habe, oder weil sie etwas gehört haben. Es ändert nichts.

    Was ich sagen will: Du wirst es nicht verhindern können, dass Menschen sich ein Bild von Dir machen – sei es noch so falsch. Und Du wirst nicht jeden eines besseren belehren können. Das Gute aber ist doch, dass Du das gar nicht musst. Du bist schließlich niemandem Rechenschaft schuldig. Und das ist gut so.

    Die anderen einfach reden oder denken lassen… nun ja, das ist leichter gesagt als getan. Vielleicht muss man dazu sich selber sehr treu sein, damit man das kann. Ich weiß es nicht.

    Ich wünsche Dir einen wundervollen Abend und ein sonniges Wochenende (mit noch mehr Bildern und noch mehr gärteln 🙂

    Rabea

    • Ich überlege die ganze Zeit, inwiefern ich das auch mache, dieses Einsortieren in Schubladen. *grübels*

      Treu bin ich mir immer, aber das hat (zumindest bei mir) leider gar nichts mit Selbstbewusstsein zu tun. Ich weiss ja, wenn ich mich darauf konzentriere, das nüchtern zu betrachten, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, kann aber nicht verhindern/beeinflussen, wie sich das für mich anfühlt. Leider. Das ist das, was ich mit dem Unterschied zwischen der Theorie und der Praxis meinte. Alles Wissen hilft mir nichts, ich hänge immer noch viel zu fest in diesen alten gelernten Mustern.

      Die Wünsche für den schönen Abend (der ja schon fast vorbei ist, mich lockt gleich das Buch unter die Bettdecke) und das Wochenende schicke ich direkt zurück! 🙂

    • Meine Ehrlichkeit, dieses fiese Miststück. Ich kann das nicht anders. Ich kann nicht mal an solchen Stellen schwindeln, wo’s mich Kopf und Kragen kostet, die Wahrheit zu sagen. 🙄

  5. Ich kann verstehen, dass du Angst hast, zum Beispiel etwas zu beantragen. Bei der Arbeitsagentur musst du auch zumindest arbeitssuchend gemeldet sein, um etwas bezahlt zu bekommen. Ob der Rententräger dir etwas geben würde weiß ich nicht, doch auch da müssen Antrage gestellt werden. Ich hatte in der Uni eine Freundin bei der war das so ähnlich: Die hatte fast fertig studiert und bekam dann eine sehr schwere Depression. Ging in eine Klinik und danach war klar, dass sie nicht als Lehrerin arbeiten kann. Das hieß für sie noch mal auf Los! Sie war dann auch zu stolz (in ihrem Fall, muss nicht auf deinen zutreffen) um Leistungen zu beantragen. Mittlerweile macht sie für 5,50€/h telefonischen Verkauf um ihre Wohnung halten zu können. Bis zur Rente wird sie das nicht machen können, also muss sie irgendwann ins kalte Wasser springen. Und davor hat sie Angst. Auch ist das im Reha-Wesen so, dass je länger man raus ist um so niedrigerschwellig sind die später finanzierten Berufe. Man darf also nicht damit rechnen, dass man wer weiß was für ein hochqualifiziertes Umschulungsangebot bekommt. Doch sag mal, Köchin oder Diätassistentin oder Ähnliches könnte bei dir doch vielleicht eine Richtung sein? In einer Berufsfindung wird ALLES getestet, dann bekommst du einen Vorschlag und der Kostenträger darf dann wählen was er bezahlen will (man wird miteinbezogen), doch es ist gut wenn man irgendwie eine Richtung hat.

    • Es fällt mir gerade zu schwer, mich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen bzw. mich zu erklären, aber ich mag dir wenigstens sehr danken für deine Gedanken, Anregungen und Ideen. 🙂

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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