Sweet Memories – Andi

Und auf einmal, beim Hören alter Marillionsongs, war die Erinnerung an Andi da. Andi, an den ich seit etlichen Jahren nicht mehr gedacht hatte und das, obwohl er mich vor Jahren ziemlich tief beeindruckt hatte.

Als ich Andi kennenlernte war ich 16, eigentlich ja sogar schon sechzehneinhalb – in dem Alter legte man ja noch Wert auf die Größe dieser Bruchstücke, die einen von der nächsten Zahl trennen. Ich hatte damals gerade vor ein paar Monaten meine Ausbildung bei der Kreisverwaltung begonnen und hatte das Glück, meine Ausbildung (bei der eigentlich alle Abteilungen durchlaufen werden sollten) am Jugendamt zu beginnen. Das war in vielerlei Hinsicht spannend und gut, am besten aber, weil die Jugendamtsmitarbeiter ein Haufen relativ junger Leute waren, darunter viele Sozialarbeiter und die Stimmung alles andere als ich mir das vorher so von einer Behörde vorgestellt hatte. Ich saß im Büro von Dagmar, die war gerade so 30 und kam mir obwohl sie schon so (!) alt (!) war, ungeheuer jung vor.

Damals schwärmte ich sehr für Marillion und es dauerte nicht lange bis wir feststellten, dass unser Musikgeschmack sich in vielen Bereichen überschnitt – und speziell, wenn es um Marillion ging. Im Dezember gaben sie ein Konzert in Frankfurt, das mit 100 km Entfernung das dichteste in Deutschland war und Dagmar meinte eines Morgens, ihr Mann fände die doof, aber wenn ich mitkäme, würde sie hinfahren. Keine 20 Minuten später hatten wir telefonisch unsere Tickets, die wir damals noch Konzertkarten nannten, geordert. Yay!

Am Tag des Konzertes nahmen wir uns für den Nachmittag einen halben Tag Urlaub, zogen uns nach der Arbeit nur schnell in Dagmars Haus (sie wohnte am Arbeitsort) die Konzertklamotten an und waren schon mit ihrem kleinen roten Auto, von dem ich gar nicht mehr weiss, was für eines es war, auf dem Weg nach Frankfurt. Wir parkten, fuhren mit der S-Bahn in die Stadt, bummelten über den Weihnachtsmarkt, der gerade war und machten uns zeitig vorm Konzert wieder auf den Weg zum Messegelände, weil das Konzert in der Festhalle war.

Als wir einige Zeit später endlich die Einlasskontrollen durchlaufen hatten und uns die Menschenmenge in die Halle geschoben hatte, war recht schnell klar, dass sich unsere Wege da trennen würden. Dagmar strebte in den hinteren Teil der Halle, wollte einen ruhigen Platz, wo kein Gedränge herrschte und erntete dafür einen grinsenden Spruch über Alter, den sie direkt damit auskonterte, dass ihr Alter und ihre damit zusammenhängende Mobilität uns immerhin nach Frankfurt und auf das Konzert gebracht hätten. Wir verabredeten einen Treffpunkt für nach dem Konzert und ich stürzte mich ins Getümmel.

Nach ganz vorne musste ich, unbedingt so dicht wie möglich an diesen Hühnen von Mann heran, dessen Stimme mich so tief im Inneren berührte und der der letzte sein sollte, dessen Poster einen Platz an der Wand über meinem Bett bekamen — was ich damals natürlich noch nicht wusste. In die Menge wollte ich und tanzen, um den Schmerz zu betäuben, der damals in meinem Gefühlen vorherrschte, seit mein Vater einige Wochen zuvor gestorben war.

An die Vorband habe ich keinerlei Erinnerung mehr, aber wohl an das großartige Gefühl, das mich ergriff als Fish die Bühne betrat und Marillion zu spielen begannen. Wie berauscht, tanzte ich inmitten und mit den Menschen um mich rum und ich habe keine Erinnerung mehr daran, wieviel Zeit vergangen war, wieviele Lieder Marillion gespielt hatten, bis die Stimmung rund um mich rum plötzlich kippte. Bis aus dem gemeinsamen Wogen ein Drängen und Quetschen wurde. Mir wurde flau im Magen, die Luft schnürte sich in Panik ab. Ich bekam Ellbogen gegen den Kopf und in die Rippen und nirgendwo war ein Durchkommen, um an den Rand der Halle zu gelangen. Mein Kreislauf spielte verrückt und in dem Moment, wo mir fast schwarz vor Augen wurde, spürte ich auf einmal zwei starke Arme unter meinen Achseln, die mich wieder hochzogen. Jemand, der hinter mir stand, hatte mich aufgefangen und zog mich unter den Armen rückwärts aus dem schlimmsten Gedränge raus, hakte mich dann unter, zog mich zum Getränkestand, ‚parkte‘ mich in einer ruhigen Ecke und besorgte mir einen Becher Wasser.

Erst als ich den halb leer getrunken hatte und wieder ruhiger wurde, stellte er sich als Andi vor. 20 war er und aus Frankfurt kam er und als ich – erholt und frisch wie ich nun war – unbedingt wieder nach vorne wollte, schüttelte er zwar den Kopf und schimpfte mich unvernünftig, aber er kam mit und schirmte mich für den Rest des Konzertes vor allzu dichtem Gedränge ab. Er konnte das ja schon verstehen, dass ich unbedingt nach vorne musste, erzählte er mir, halb ins Ohr brüllend. Das war schon sein 6. Marillion-Konzert. Wie zum Beweis holte er seinen Geldbeutel raus und zeigte mir ein Foto – ungefähr auf Passfotogröße zurechtgestutzt – das Fish auf der Bühne zeigte. Ein echtes Foto mit Fish drauf. Wow! Ich weiss nicht, ob mein andächtiger und bewundernder Blick dazu beigetragen hatte, auf jeden Fall schenkte er mir das Foto und es hatte seinen Platz in meinem Geldbeutel bis dieser mir etwa 8 Jahre später mitsamt allen Papieren und diesem Foto geklaut wurde.

Zum Abschied tauschten wir noch die Telefonnummern und ich bin nicht sicher, ob ich Dagmar auf der Heimfahrt mehr von Fish oder von Andi vorgeschwärmt habe, der mir irgendwie wie ein Ritter vorkam und in dessen Gegenwart ich mich, obwohl ich ihn gar nicht kannte, sehr wohl und beschützt gefühlt hatte.

to be continued…

Katja

 

(Hier gab es übrigens schonmal Sweet Memories, fiel mir bei der Titelsuche gerade wieder ein.