Aggro-Opa

Wo sind eigentlich die mildlächelnden, weisshaarigen älteren Herren abgeblieben, denen man, selbst als man dem Kindesalter entwachsen war, gelegentlich am liebsten auf den Schoß gekrabbelt wäre, weil sie ihre Freundlichkeit und Güte ganzjährig, wie ein unverkleideter Nikolaus ohne Rute, auf dem Gesicht zur Schau stellten?

Hier gibt es jedenfalls keine davon!

Vorhin im Supermarkt:
Heilloses Gedränge, irgendwie scheinen heute noch viele Leute Urlaub zu haben. Viele Familien mit kleinen Kindern, die fröhlich strahlten, weil die ansonsten nicht miteinkaufenden Papas viel weniger geübt im ‚Nein‘-Sagen sind als die üblicherweise mit den Kleinen einkaufen gehenden Mamas und so türmen sich Überraschungseier, Schokolade und diverse andere Süßigkeiten in den Wagen, ausserdem viele viele Rentnerpaare und einige einzelne Rentner.

An der Gefriertheke bekomme ich einen unsanften Stoß mit einem Einkaufswagen in die Seite als ich gerade endlich zwischen den diversen Geflügelarten die Suppenhühner entdeckt hatte. Ich schaue auf, ein älterer Herr schiebt den Wagen, seine Frau dicht neben ihm. Natürlich entschuldigt er sich nicht, guckt mich nur verständnislos an, er diskutiert nämlich gerade mit seiner Frau, wo denn nun die doofen Suppenhühner seien. Ich hätt’s ihnen ja gesagt, aber nach diesem Rempler dann doch nicht.

Keine 10 Minuten später. Ich hatte meinen Wagen im ‚Hauptgang‘ des Supermarktes in einer Ecke stehen lassen, um fix eine Flasche Zitronensaft aus einem der schmaleren Gänge zu holen. Als ich zu meinem Wagen zurückkomme und ihn weiterschieben will, versperrt mir eben jener ältere Herr von vorher den Weg, fasst meinen Wagen mit beiden Händen von vorne an und macht Anstalten ihn mir aus den Händen zu reissen, während er mir ein ‚Sie werden diesen Wagen sofort loslassen!‘ entgegenschleudert. ‚Wir wollen das Suppenhuhn kaufen! Das ist unser Huhn und unser Wagen!‚. (Er sprach das wirklich alles so betont, Silbe für Silbe.)
Janeeisklar. Den Wagen des ‚Remplers‘ hatte ich in der Tat direkt vorher gesehen, weil er keine 5 Schritte von meinem entfernt im gleichen Gang stand. Ausser des Suppenhuhns hatten wir aber keine weiteren identischen Artikel im Wagen – weswegen mir beim Vorbeigehen klar war, dass das nicht meiner sein konnte. Er schien sich allerdings nur am Huhn zu orientieren – das war also sein Wagen.
Mir fällt, und das passiert nicht so häufig, das freundliche Lächeln aus dem Gesicht: ‚Sie können gerne Ihr Huhn, das in Ihrem Wagen, der direkt hinter mir steht, kaufen. Von mir aus auch so viele Sie wollen – in der Kühltheke gab es ja noch ausreichend viele davon. Allerdings dieses Huhn bekommen Sie ganz sicher nicht, denn das ist meines und liegt in meinem Wagen.‘ und mit einer ruckartigen Bewegung ist der Wagen wieder in meiner Gewalt. Die mittlerweile dazugekommene Ehefrau zieht ihn am Ärmel zum eigenen Wagen. Natürlich entschuldigt er sich auch dieses Mal nicht, sondern mustert mich mit dem gleichen verständnislosen Blick wie zuvor.

Katja