The good, the bad and the ugly

Gefühle ließen sich bei mir immer in diese drei Kategorien einteilen. Die ‚Guten‘, das sind all die positiven und ‚braven‘ Gefühle, die dafür sorgen, dass es mir gut geht. Bei den ‚Bösen‘ ist vor allem die Traurigkeit beherrschend. Und dann gibt es noch jene ganz bösen, hässlichen, die so böse und hässlich sind, dass ich sie nicht zugelassen habe, weggeschoben habe, durch andere ersetzt, überlagert habe.

Stolz war zum Beispiel so ein Gefühl. Stolz führt nämlich zu Eitelkeit. Eitelkeit zu Selbstüberschätzung. Selbstüberschätzung zu völlig überzogenem Ego und das ist so böse, dass ich nie so sein wollte. Also habe ich Stolz schon nicht zugelassen. Wenn mich jemand gelobt hat, war mir das unangenehm und ich habe das, was ich getan hatte, meine ‚Leistung‘ runtergespielt. Und wenn man das lange genug macht, dann ist alles, was man so macht, irgendwann ganz klein. Und dann ist man auch selber ganz klein, weil man ja nichts kann. Und alle, die das Gegenteil behaupten sind nicht klaren Verstandes. Oder einfach nur höflich statt ehrlich.

In der Königsklasse der ‚verbotenen‘ Gefühle rangierten Wut und Zorn ganz weit vorne. Wut habe ich immer als etwas aggressiv nach aussen gerichtetes empfunden. Und. So. Durfte. Ich. Nicht. Sein. Als Kind wäre es aus Gründen gefährlich gewesen, wütend zu werden, also wurde ich stattdessen traurig. Wo eine halbwegs normale Reaktion gewesen wäre, eine Tür zuzuknallen, mit Dingen rumzuwerfen oder rumzubrüllen, liefen mir nur Tränen über die Wangen. Das war immer so und das war für mich völlig normal. Ich ließ mir alles gefallen, wehrte mich nicht. Und wenn man in diesem Mechanismus ’schlechte Behandlung führt zu Traurigkeit‘ drin hängt, merkt man gar nicht mehr, wie man anfängt, sich die falschen Fragen zu stellen. Von ‚wieso macht der das? wieso behandelt der mich so schlecht? ich hab ihm doch gar nix getan.‘ schleichend hin zu ‚womit habe ich das verdient?‘. Und irgendwann denkt man dann, dass man’s sicher irgendwie verdient hat. Sonst würde es ja nicht passieren. Niemand würde ja grundlos einfach jemanden anderen mies behandeln.
Dieses verquere, naive Weltbild bin ich immer noch nicht so richtig losgeworden – auch wenn es schon viel besser geworden ist.

*

Meine erste Begegnung mit Wut liegt noch keine 10 Jahre zurück und ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich saß am PC und chattete und mein ‚Gegenüber‘, ein Mensch, an dem mir damals viel lag, sagte etwas – ich weiss nicht mal mehr was – und ich merkte auf einmal meinen Herzschlag an der Kehle und einen stechenden Schmerz im Bauch. Total plötzlich, von jetzt auf gleich. Ich wusste nicht, was da gerade passierte und hatte einen ordentlichen Schrecken bekommen, weil ich dachte, das sei irgendwas Körperliches. Wir redeten weiter, das Gegenüber entschuldigte sich einige Sätze später und irgendwann nach einer Weile flauten die Schmerzen ab und verschwanden fast komplett. Irgendwann später ging mir auf, dass das Wut war, die ich in meinem Bauch gespürt hatte – dass man die nicht grundlos, diesem Teil des Körpers zuschreibt.

Danach wurde ich gelegentlich wütend und ich, die sich früher immer nur heulend in ’ne Ecke verkrochen hatte, wenn jemand ungerecht zu mir war, wurde zum ersten Mal laut, brüllte zum ersten Mal jemanden an.

Heutzutage, speziell in den letzten Monaten, merke ich immer häufiger, wie ich wütend werde, merke meinen Herzschlag im Hals, das Stechen oder auch gelegentlich ein flaues Gefühl im Bauch. Ich merke, wie meine Gesichtszüge einfrieren, meine Wangen glühen. Ich merke das so sehr, dass es mir gelegentlich Angst macht.

Es fühlt sich immer noch ‚falsch‘ an, Wut rauszulassen. Das ist böse, gefährlich, das darf ich nicht. Ich kann mittlerweile sagen ‚Das macht mich wütend.‘, das gestehe ich mir zu. Ich gestehe mir nicht zu, mit Türen zu knallen, Dinge zu werfen, rumzubrüllen. Wenn ich mal lauter werde, schäme ich mich dafür. Das Gefühl ist immer noch böse, hässlich, darf nicht sein.

Manchmal habe ich Angst, das irgendwann nicht unter Kontrolle halten zu können. Habe Angst vor Konsequenzen, die daraus folgen könnten, die Wut rauszulassen, statt sie zu unterdrücken. Immerhin erwartet das niemand von mir, so kennt mich ja niemand. Wieso sollte irgendwer dem mit Geduld und Verständnis begegnen, wenn ich’s selber nicht kann?

Und manchmal ist dieses körperliche Gefühl, dieses Pochen und Stechen so gewaltig. So viel mehr als die aktuelle Situation bedingen könnte, sollte, dürfte. Fast als hätte sich die Wut eines ganzen Lebens in mir angesammelt und wenn auch nur kleine Tröpfchen dazu kommen, brodelt der ganze Scheiss jedesmal rum.

Und ich denke, ich müsste das eigentlich rauslassen. Dosiert. Angemessen. Mir das nicht mehr verbieten. Aber ich hab sie so lange nicht gespürt, nie gelernt, damit umzugehen. Einigermaßen sinnvoll umzugehen. Also schreibe ich stattdessen lieber darüber, mit pochender Halsschlagader, starren Gesichtszügen und Stechen im Bauch.

Katja