Blitz und Donner

Ich weiss nicht, ob es in meiner Kindheit so viel häufiger Gewitter gab als heutzutage oder ob mir das nur so vorkommt und ich weiss auch nicht, ob die wirklich fast alle nachts waren oder ob mir das in der Erinnerung nur so vorkommt.

Das Ritual war auf jeden Fall bei jedem Gewitter das gleiche:

Unabhängig von der Uhrzeit und dem Wochentag wurden wir von meiner Mutter bei Gewittern nachts aus den Betten gescheucht. Wir mussten uns komplett anziehen, inclusive – und das war besonders wichtig – festen Schuhwerks, damit wir schnell genug laufen konnten.

Dann saßen wir im Erdgeschoss, in der Küche meiner Großeltern, die der der Haustür dicht gelegenste Raum war, in einer Reihe auf Stühlen vor dem Küchenschrank und warteten darauf, dass der Blitz ins Haus einschlägt. Wir durften nicht am Tisch sitzen, weil es bei einem Einschlag zu lange dauern würde, bis wir die Stühle abgerückt und aus dem Haus gelaufen wären.

Meine Eltern und Großeltern hatten die wichtigsten Papiere in solchen kleinen Metallkassetten. Die standen bei meiner Mutter und Oma auf dem Schoß, damit sie sie bei der Flucht aus dem brennenden Haus schon in der Hand hielten, beim Einschlag direkt loslaufen könnten.

Bei ganz schlimmen Gewittern saß meine Oma auf ihrem Stuhl direkt vor der Haustür, die Hand in der Luft in der Nähe der Klinke, damit sie direkt durchstarten konnte. Das führte oft zu Diskussionen, weil ihr Stuhl ja dann allen anderen den Fluchtweg versperren würde.

Irgendwann zu Grundschulzeiten, ich weiss nicht mal mehr wie, informierte ich mich über Gewitter und verlor meine Angst. Das hat aber weder jemanden interessiert noch gefreut, stattdessen bekam ich Ärger, weil ich mich beim nächsten Gewitter weigern wollte, das Theater weiterhin mitzumachen.

Heute liebe ich Gewitter, besonders in der Nacht.

Katja

 

15 Kommentare zu “Blitz und Donner

  1. Ich musste jetzt ja schon ein bisschen grinsen 😀

    Kann schon sein, dass es nun weniger sind, dafür finde ich die vom Verlauf her „rumsender“ als früher. Ich meine, dass hätte nie so geknallt und gescheppert.

    Liegt vielleicht auch daran, dass ich seit einem Gewitter im Türkeiurlaub, wo ich dachte die Welt geht unter, vom Gewittergenießer zur Schissbüchs (schreibt man das so?) geworden bin. Vor allem nachts, wenn nebendran der Männe selig schlummert und ich bei jedem Donner einen halben Herzinfarkt bekomme.

  2. Oh je Katja, ich hatte mir ja beim Lesen schon ernsthaft Sorgen um deinen heutigen Seelenzustand gemacht. Hatte mit allem gerechnet! Damit dass du heutzutage schon einen fertig gepackten Koffer neben der Tür stehen hast oder regelmäßige Besuche auf einer Couch über dich ergehen lassen musst…
    Aber wie ich dann las, hast du ja alles gut überstanden *puh*

    Aber ist man nicht eigentlich unter dem großen Küchentisch am sichersten? Oder war das bei einem Erdbeben?? 😉

  3. @Sinchen:
    Grinsen ist durchaus erlaubt/erwünscht. 😀
    Was anderes (ausser vielleicht Kopfschütteln) fällt mir auch nicht dazu ein, aber was man sich als Kind so alles von der Familie einreden lässt…

    Ja, rum(m?)sender kommen sie mir auch vor. Speziell in den letzten 2, 3 Jahren.
    Schissbüx eindeutig mit ‚x‘. 😀
    Mal mit mp3-Player auf den Ohren probiert? Die Gewitterangst meiner Schwester hat sich auch über die Jugend hinweg gehalten und ich hab sie damals immer mit meinem Walkman ruhig gestellt, damit sie nichts vom Donner mitbekommt.

  4. @Julia: Das hat mich jetzt allerdings herzhaft zum Lachen gebracht. Ich hab zwar echt ’ne Menge Macken, aber Angst vor Gewittern plagt mich (zum Glück) keine. 🙂

    Das mit der Couch ist übrigens nur in amerikanischen Filmen so. In echt haben die meisten gar keine und wenn, darf man höchstens drauf sitzen. 😉 (Die Besuche habe ich hinter mir, hatte aber nix mit Gewittern zu tun.)

    • Och Mensch… Die amerikanischen Filme machen doch alles kaputt. Nichts ist so wie man es kennt *grml*
      Ich hoffe du hattest es bei deinen Besuchen trotzdem bequem!?

      • Jupp. Sessel haben die meisten dann schon. Also jene, mit den Gesprächen zumindest. Dafür geht man ja in Deutschland nicht zum Psychiater (Die haben meist ganz normale Arztpraxen, aber von denen bietet ja auch so gut wie keiner Gesprächstherapie an. Wozu auch? Rezepte schreiben bringt ja mehr in die Kasse. 🙄 ), sondern zum Psychotherapeuten.

  5. Jupp, Oma und Opa haben das auch gemacht. Die Reet gedeckte Scheune alleine hätte sicher alles verschlungen. Die Beiden fanden das völlig normal, selbst oder gerade noch mit > 75.

    • Das beruhigt ja schon ein wenig, dass nicht nur meine Familie so seltsam drauf war. Reetgedeckt war bei uns nichts, aber Scheune und Stall gab’s schon noch. (Wenn auch nicht mehr landwirtschaftlich genutzt nachdem ich auf der Welt war.)

  6. Ach herje. Ich schließe mich der kurzfristigen Sorge von Julia an und freue mich natürlich um so mehr, dass die Liebe zum Gewitter gesiegt hat 🙂

    Hm. Die Sache mit der Couch hingegen kenne ich sehr gut so wie die amerikanischen Filme es vorgauckeln… So ganz unrecht ham die Amis da doch nicht. 😉

    • Öcht? So richtig zum Drauflegen? Hab ich selbst bei Analytikern nicht erlebt, wo ich’s am ehesten erwartet hätte.
      Ich lasse mich da gerne eines besseren belehren, fand ich das doch überaus komisch, dass es gar nicht so wie im Film war. 🙂 😀

      • Joa. So richtig zum Drauflegen. Am Anfang sehr befremdlich (vor allem weil man Dank der Filme den Strichmännchen kritzelnden oder eingeschlafenen Therapeuten im Rücken vor Augen hatte 😉 ) gegen Ende hin völlig selbstverständlich 🙂

      • Danke für so mutige Geständnisse hier. 🙂

        Aye, die zwischendrin Kaffee trinken gehenden Therapeuten aus den Filmen, hatte ich auch gerade vor Augen. 😀

  7. Hmm. Als ich den Artikel gestern las, hatte ich sofort ein Bild vor Augen: Die Schwiegermutter meiner Tante. Also quasi die Mutter meines Onkels. Um genau zu sein: Die Oma meines Cousins… also … die hat das auch immer gemacht.

    Vielleicht auch so eine Art „Kriegsschaden“…? Mein Cousin fand das normal und wußte, daß das die meisten alten Leute im Dorf genauso machen…Tasche packen, fix und fertig anziehen, sprungbereit auf dem Stuhl sitzen.

    Allerdings wurde niemand aus der Familie gezwungen, das mitzumachen.

    Einmal gab es ein richtig heftiges Unwetter, mit Blitzeinschlägen im Nachbarort etc. Die Oma saß wieder da, fluchtbereit, das Gewitter ebbt kurz ab, die Oma geht ins Bett, das Gewitter macht weiter, diesmal um einiges heftiger und …rummmmssssender… als zuvor… die Oma schläft längst friedlich in ihrem Bett.

    So kann’s gehen.

    🙂

    • Spannend, dass das doch nicht nur meine seltsame Familie so gemacht hat. Danke für’s Erzählen. 🙂
      Wir mussten aber dooferweise schon. Eben selbst als ich gar keine Angst mehr hatte. Und völlig egal, ob am nächsten Tag ’ne Klassenarbeit geschrieben wurde und wir dann völlig übermüdet waren. 🙄

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