Wenn einer eine Reise tut (5)

(Was bisher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Samstag, 24.10. Liebe auf den ersten Blick: Sevilla

Eigentlich zu spät (war aber doch Urlaub!) losgefahren, kommen wir gegen Mittag in Sevilla an. 32°C zeigt ein großes digitales Thermometer in der Stadt an und die Aussentemperaturanzeige des Autos nickt zustimmend. Yay! Ende Oktober und über 30° – selten habe ich lieber geschwitzt. 😀

Was alle besuchten spanischen Städte gemeinsam hatten: sich mit einem (recht großen) Fahrzeug durch die Innenstadt zu quälen verdient die Bezeichnung ‚quälen‘ zu Recht, ist aber noch harmlos im Vergleich zur Parkplatzsuche und so schwanken wir zwischen Erschöpfung und Erleichterung als wir diese Hürde schon runde 2 Stunden nach der Ankunft in der Stadt genommen haben. Den anfänglichen Versuch, irgendwie in der Nähe der Kathedrale hatten wir just in dem Moment aufgegeben als uns klar wurde, dass wir froh sein können, an diesem Tag überhaupt noch in dieser Stadt zu parken und so haben wir bei Verlassen des Parkhauses, dessen Parklücken auf nichts größeres als Seat Marbellas zugeschnitten sein konnten, was es übrigens mit allen besuchten spanischen Parkhäusern gemeinsam hat, zwar keine Ahnung, wo in dieser Stadt wir uns befinden, dafür aber das auf Fußgängermodus umgeschaltete Navi in der Hand.

Als wir weitere 1,5 Stunden Fußmarsch später bei der Kathedrale ankommen, ist klar, dass das auch unser einziger Besichtigungspunkt an dem Tag bleiben wird, weil es für alles weitere längst zu spät ist. Was mir ausserdem schon während der Parkplatzsuche, aber dann erst recht beim durch die Stadt laufen klar geworden ist: ich habe mich spontan in Sevilla verliebt. Ich bin ja wirklich bekennendes Landei und liebe es mitten in ‚Gegend‘ zu wohnen statt in der Stadt, aber diesem Charme war ich sofort erlegen. Sevilla lebt und das Leben in der Stadt pulsiert. Während ich in größeren deutschen Städten immer das Gefühl habe, jeder hetzt mit hochgezogenen Schultern, gesenktem Blick und ausgefahrenen Ellbogen vor sich hin, fühlte sich Sevilla nach einer großen Fiesta an. Überall gab’s Tapas Bars und darin und dazwischen standen jede Menge Menschen mit Gläsern und schnatterten temperamentvoll miteinander. Herrlich.

In der Kathedrale dann der heftige Gegensatz. Ein wahnsinnswahnsinnsgroßes Gebäude und trotz der Besuchermassen wirklich angenehme Stille. Und jede Menge Protz und nochmehr Protz.

„‚Lasst uns eine Kathedrale bauen, so groß, dass jeder, der sie sieht, uns für verrückt hält!‘ So sollen die Domherren im Jahr 1401 beschlossen haben.“ sagt der Reiseführer und zumindest bei uns hat das funktioniert. Irgendwo hatte ich gelesen – aber leider finde ich es nicht mehr – wie häufig man den Kölner Dom in der Kathedrale unterbringen könnte und selbst den fand ich schon erstaunlich groß. Santa María de la Sede ist nach dem Petersdom in Rom und St. Pauls in London die drittgrößte christliche (und die größte gotische) Kirche der Welt. Zu sehen gibt es u.a.  fast 20 Seitenkapellen, eine unglaublich riesige Orgel, das größte Altarretabel der Welt, an dem alleine etwa 80 Jahre gebaut wurde und das man nur mit offenem Mund anstarren kann und das Grab von Christoph Kolumbus.

Was mich aber am meisten beeindruckt hat war die ungeheuere Höhe. Und noch viel mehr: wie detailreich die Deckengewölbe teilweise verziert sind. Überall in den beleuchteten Gewölben gibt es Schnörkel und Verzierungen zu sehen und genau das ist der Haken – als die das damals™ gebaut haben, war auf dieser Höhe sicherlich nichts ausgeleuchtet, d.h. man konnte von unten aus ohnehin nichts sehen und trotzdem muss da eine unglaubliche Arbeit reingesteckt worden sein.

Nachdem wir einmal rund sind und alles angeschaut haben, ist gerade eben noch Zeit, während der Öffnungszeit die Giralda, den Glockenturm der Kathedrale und Wahrzeichen von Sevilla zu erklimmen. Der hat keine Treppen im Inneren (zumindest keine für Besucher) und man läuft schräge Rampen hoch – eklig steile schräge Rampen. Unterwegs bin ich fast so weit aufzugeben. Mein Zeh tut immer noch von der Begegnung mit dem Stein weh und den ganzen Tag rumlaufen war schon heftig, aber noch nichts im Vergleich zu den Rampen und erst recht nicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir uns ja auch wieder zum Parkhaus zurückkämpfen müssen. Ich frage mich wirklich, welche Aussicht die Quälerei rechtfertigen soll, aber als ich oben bin, weiss ich plötzlich genau, dass es die Quälerei mehr als wert war!

So phantastisch mir die Stadt schon von unten gefallen hat, so grandios sieht sie von oben aus. Diese riesige Fiesta, aus der die Stadt zu bestehen scheint, macht nämlich vor den Dächern nicht Halt. Überall stehen und sitzen Menschen auf den Dächern, das gleiche Bild wie in den Strassen, nur eben ein paar Meter weiter oben. Wow.

Aus den über 600 Fotos dieses Tages einige wenige zum Zeigen auszuwählen fiel mir übrigens wirklich schwer. Am liebsten hätte ich sie euch alle gezeigt, soviel gab’s da zu sehen und zu bestaunen.

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Am Abend dann habe ich zum ersten Mal während des Urlaubs keinen Nerv, selber zu kochen. Alles, nur nicht mehr stehen. Also gab’s im Restaurant auf der Promenade vorm Haus, mit Blick auf’s Meer und Atlantikrauschen, den regionalen Fisch der Gegend, dessen Namen ich vergessen habe, was aber nur dahingehend ein Verlust ist, dass ich ihn mir hätte merken sollen, um ihn nur ja nie wieder zu essen – ich mag ja Fisch, aber der war dann doch zu fischig. Also so richtig fies fischig. Dafür gab’s danach Wodka-Karamell auf’s Haus und in den habe ich mich auf Anhieb fast ebenso verliebt wie in Sevilla. 🙂

Katja

10 Kommentare zu “Wenn einer eine Reise tut (5)

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  5. diese arbeit, obwohl es [fast] niemand sehen konnte…. ja, wahnsinn, du hast recht. tolle fotos übrigens!

    ich habe mal erfahren, daß ein rosettenmacher [steinmetz?] ungefähr 7 jahre an so einer blöden rosette gearbeitet hat. bei der damaligen lebenserwartung von ~3o war’s dann so, daß er mit ~1o/12 jahren in die lehre gegangen ist, dann eine oder zwei rosetten selbst machen konnte und es dabei den nächsten ‚azubis‘ zeigen konnte, und dann war auch schon schluß. krass, oder?!

    • Jau. Die niedrige Lebenserwartung hatte ich nicht mal auf dem Schirm, die kommt ja noch dazu.

      Dieses Jahr, die Alhambra fand ich noch beeindruckender. So viele Ornamente und Verzierungen, das ist der helle Wahnsinn. Und noch wahnsinniger ist, dass die das nicht mal in Stein gehauen und quasi für die Ewigkeit angelegt haben, sondern dass wohl die meisten Reliefs aus Gips / Mörtel und vergänglich sind.

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