Du wirkst gar nicht so

…höre ich gestern durch’s Telefon als ich erzähle, dass ich drecksnervös bin und Angst vor dem Abend habe und da muss ich wieder daran denken, was mir seit zwei Wochen immer wieder durch den Kopf spukt. ‚Du wirkst gar nicht so als ab du Angst hättest. Ich bekomme das gar nicht richtig zusammen, das was in deinen Mails steht und du erzählst und das, wie du hier vor mir stehst, so locker und offen.‘ sagte mir die Freundin, bei der ich zum Kaffee war, also zumindest sinngemäß.

Und ich frage mich, wie das ist mit der Wahrnehmung. Meiner und jener der anderen. Die Begegnung mit den meisten Menschen macht mir ’ne Scheissangst und in mir scheint alles hmm nervös zu flackern. Ich komme mir vor als bekäme ich keinen geraden Satz raus, die Stimme zittert. Ich denke, meine Unsicherheit ist mir an der Nasenspitze oder zumindest jeder Bewegung, jeder Miene anzusehen. Ich weiss nicht, was ich sagen, wie ich mich verhalten soll oder wo ich mit meinen Händen hinsoll. Und trotzdem scheint man das ‚von aussen‘ nicht zu merken. Da wirke ich ruhig oder locker oder offen oder wasauchimmer.

Und ich frage mich, woran das liegt. Bin ich über die Jahre einfach eine so gute Schauspielerin geworden, trage eine Maske zur Schau, damit niemand sehen kann, wie’s wirklich in mir aussieht? Was ist echt, was nicht? Ich verstelle mich doch nicht – oder doch? Es verunsichert mich, dass meine Selbstwahrnehmung eine so andere ist als jene, wie andere mich wahrnehmen.
Oder ist die Angst mir einfach über die Jahre so vertraut geworden, dass sie (von aussen?) wie ein Teil von mir wirkt und gar nicht auffällt?
Oder bin ich so in der Panik gefangen – wie zB in der mündlichen Abiprüfung, bei der ich hinterher das Gefühl hatte, sie bewusstlos überstanden zu haben, weil ich mich an überhaupt gar nichts erinnern konnte. Vielleicht ist es ja sowas ähnliches in abgeschwächter Form, eben so, dass ich mich erinnern kann?

Ich muss auch an ein ‚du bist viel stärker als du denkst‘ denken und frag mich, ob die Angst vielleicht gar nicht mehr so stark und mächtig ist, wie ich sie empfinde. Ob das alles einfach nur noch ein Trugbild und Nachhallen dieser alten Stärke ist und ob ich einfach nicht gemerkt habe, dass ich ja gar nicht mehr so heftig Angst habe. Ob ich vor lauter Wissen, dass die Angst immer da sein wird, gar nicht hingeguckt habe, ob sie das überhaupt ist und einfach vorausgesetzt habe, dass sie da ist.
Aber das kann doch nicht sein. Also nicht, dass ich nicht annähme jetzt stärker sein zu können, aber ich kann mir doch nicht einbilden, mehr Angst zu haben, als ich tatsächlich habe. Das ist doch ohnehin etwas, was nur im Kopf stattfindet. Ich kann mir einbilden, mehr Hunger zu haben, als ich dann während des Essens tatsächlich habe – aber für Angst kann das doch nicht gelten, oder?

Verwirrend. Da muss ich noch drauf rumdenken.

Katja

14 Kommentare zu “Du wirkst gar nicht so

  1. Aus den Gründen die Du kennst, glaube ich aber zu wissen, dass Menschen mit einer Angststörung sich kurze Zeit unglaublich zusammenreißen und ihren Zustand kaschieren können. Getrieben davon sich nicht auch noch diese Blöße vor ‚Fremden‘ zu geben. Manchmal muss man sich dessen aussetzen und es auszuhalten versuchen, sobald man es kontrolliert und mit vertrauenswürdigen Menschen versuchen kann. Viele kleine Schritte ergeben in Summe auch einen großen Schritt.

    Ich weiß nicht ob Du schauspielerst, wir hatten noch nicht das unzweifelhafte große Vergnügen einander gegenüber. zu sitzen. 🙂 Außerdem: Es kommt der Punkt, an dem die Angst zumindest nicht mehr wichtig ist, davon bin ich sicherlich nicht ganz unberechtigt (s.o.) überzeugt. Und hoffentlich werde ich Dir dann irgendwann gegenübersitzen und Dir zuprosten, reden oder zuhören oder gar nichts machen oder was auch. Darauf freue ich mich jetzt schon. 🙂 *hug*

    • Hm, vielleicht ist es auch wirklich das Zusammenreissen, das mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. *grübels*

      Meine Freundin meinte, nachdem sie das hier heute Nachmittag gelesen hatte, dass man mir das schon anmerkt – es aber erst deuten kann, wenn man mich besser kennt. Wenn ich hektisch in die Küche flitze um Kaffee zu kochen oder meine Stimme atemlos klingt oder ich ein bisschen schneller als sonst rede. Sie meint, dass das aber durchaus nicht auffällt, weil eben viele Leute im ‚Normalzustand‘ so unruhig seien wie ich, wenn ich nervös bin.

      Spannende Gedanken sind das jedenfalls. Deine und auch ihre.

      Das mit dem Punkt an dem die Angst nicht mehr wichtig ist, stimmt übrigens im Kleinen. Also ich glaube nicht, dass es einen großen Punkt geben wird, an dem sie wieder komplett verschwinden wird. Aber es gibt immer mehr Dinge im Kleinen, wo sie weniger wird und verschwindet. Und manchmal auch einfach in der Begegnung mit einem Menschen. 🙂

      *dolle zurückdrück* 🙂

  2. Ich glaub ja nicht, dass du schauspielerst. Ich glaub ja, dass du evtl. angstbedingt die ganze Situation genau daraufhin wahrnimmst während dein Gegenüber nicht wirklich um die Größe deiner innerlichen Angst weiß und sich dann auf ganz andere Sachen konzentriert. Und wer weiß, was in dem anderen zu genau der Zeit für ein Film läuft.

    • Ich weiss gar nicht so genau, ob ich Situationen (noch) so genau daraufhin wahrnehme. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre die Angst eben so vertrauter Freund/Feind, dass sie sich wie ein ganz normaler Teil von mir anfühlt. So wie man auch nicht darüber nachdenkt, dass da rechts ein Arm aus der Schulter rausbaumelt.

      Gestern hatte ich übrigens ein Erlebnis, bei dem das krasse Gegenteil der Fall war: Mein Nachbar stand klopfend vor meiner Tür und ich muss ganz schön verängstigt ausgesehen haben beim Öffnen. Das erste, was er nämlich bei meinem Anblick sagte war ’nicht erschrecken, keine Angst‘. Das war mir dann irgendwie noch unangenehmer, weil ich gar nicht realisiert hatte, dass er mich so erschreckt hat bis er mir das angesehen hat. Und dann war’s mir peinlich. *soifz* 😳

  3. Also, das mit der Eigenwahrnehmung kenne ich nur zu gut.
    In meinem Job muss ich oft vor Leuten reden, unterrichten. Nach solchen lehrgängen, oder auch zwischendurch mal, je nach Situation, bin ich der Meinung, dass ich noch nie einen so grottenschlechten Unterricht gemacht habe. Ich habe mich zu oft verhaspelt, zu oft die selben Wörter/Phrasen genutzt…
    Schaue ich mir das auf Video an (ja, so fiese Sachen mache ich ab und an mal) verstärkt sich der Eindruck nur noch.
    Rede ich allerdings mit Lehrgangsteilnehmern darüber, also mit solchen, die ein ehrliches Feedback geben und die ich einschätzen kann, dass das was sie sagen, auch wirklich so passt, kommt da was ganz anderes bei raus.
    Die sind in der Regel recht begeistert von dem was ich da verzapft habe. Ein Eindruck, den ich manchmal, aus o.g. Gründen nicht nachvollziehen kann.

    Da ich das jetzt schon kenne, versuche ich mir das zu Nutze zu machen. Ich schöfpe darauf ne gehörige Portion Selbstvertrauen, ohne dabei in den Bereich der Überheblichkeit abzugleiten (hoffe ich).
    Bisher komme ich auf diese Art und Weise ganz gut damit klar, habe mir aber noch nie großartige Gedanken über das Wieso gemacht…
    Ich weiss, dass ich zu einem gewissen Maß bei meinen Unterrichtungen schauspieler (n muss). Denke aber nciht, dass ich das unterbewusst mache. ich muss mir das immer vor jedem Unterricht wieder aufs neue sagen…

    Angefangen hat das mit der verzerrten (?) Selbstwahrnehmung übrigens auch beim mündlichen Abi. Nach der Prüfung dachte ich, ich hätts vergeigt. War Geschichte. ich habe noch nie so oft auf Fragen die gestellt wurde, „Weiss ich nicht“ sagen müssen, wie da. Aber siehe da, die Note die bei der Prüfung herauskam, war die beste, die ich in der ganzen Oberstufenlaufbahn je in Geschichte hatte. Ein Punkt besser und ich hätte zur Nachprüfung gemusst, weil die Abweichung zur Durchschnittsnote der Oberstufe zu groß gewesen wäre.

    • Unterrichten fand ich damals™ nur anfangs schlimm oder eben immer die ersten 1, 2 Termine vor einer neuen Gruppe/Klasse. Danach hat mir das immer Spaß gemacht.

      Heute ist alleine die Vorstellung vor so vielen Leuten reden zu müssen, der blanke Horror. 🙄

      Du nimmst dich echt auf Video auf? Wow! Ich glaube, das ist ungeheuer sinnvoll, mal von aussen zu gucken, aber ich könnte das niemals.

  4. Hm. Ich habe zwei Erfahrungen gemacht: Ich habe eine sehr gute Freundin, die heute hauptsächlich ihr Geld mit einem Lehrauftrag verdient, die so etwas jedoch nienienie machen wollte, weil sie schon im kleinen Kreis, wenn sie kaum jemanden kennt, wahnsinnig sich unsicher fühlt und Angst hat. Reden kann sie brilliant. Es merkt ihr auch niemand etwas an, auch ich nicht. Sie hat mal gesagt, sie sei absolut kein kommunikativer Mensch und ich: „Wie bitte?“ Sie hat das drauf. Das hat wenig mit bewusstem Sotunalsob zu tun, sie hat einfach nur, wie ich zum Beispiel auch, als Kind gelernt, dass bestimmte Dinge aus der Familie nicht nach außen dringen dürfen. Daher ihre Angst. Und das was dann beim unterrichten oder in sozialen Situationen nach außen kommt und wie Kompetenz aussieht, ist einfach eine aus sich selbst gereifte Form dieses Kindes, das etwas verschweigen musste.
    Erfahrung zwei: So ganz falsch kann das auch für mich nicht sein. Als ich hier so mit den Panikattacken zu kämpfen hatte, habe ich auch vor allen möglichen Kontakten Angst gehabt. Ich habe zum Beispiel immer die Flucht ergreifen wollen, wenn Fremde mich angesprochen haben. Mir hat allerdings ganz oft wer gesagt, ich bekäme zwar die Panikflecken, kommuniziere jedoch erstaunlich ruhig, ohne dabei abgeklärt zu wirken. Ich hab also wohl auch so ein „Kind.“

    • Über das Kind muss ich mal nachdenken, hmm. Dazu hatte ich das noch nie in Verbindung gesetzt. Aber es klingt sehr logisch. Das sind ja oft diese ganz früh gelernten Muster, die man mit sich rumträgt.

  5. ich war ja jetzt auf dem ersten präsenz-WE meines studiums, da hatten wir eine sehr interessante übung:

    man bekommt, nachdem man die anderen schon etwas besser kennt, einen namen zugelost, für den man eine art vorstellung schreiben muß. relativ ‚geheimnisvoll‘, so daß die anderen ein bißchen grübeln müssen, wer das ist. [also zumindest nicht einen eindeutigen hinweis wie ‚ist koch von beruf.‘ oder sowas, sondern eher ‚offen‘ oder ‚humorvoll‘ …] alle mußten bei jedem poster an einer verdeckten [!] stelle notieren, was sie denken, wer sich hier vorstellt.

    dann sind wir alle diese poster durchgegangen. zuerst wurde gefragt, ob sich jemand im aktuell besprochenen poster wiederfindet, danach wurde der konsens der gruppe aufgedeckt. ich war sehr berührt davon, daß sich die teilweise sofort einig war, wer auf dem gerade besprochenen poster sich vorstellt, sich die person selbst aber gar nicht darauf erkannt hat. das geht ja irgendwie auch ein bißchen damit konform, was du oben beobachtest.

    ich denke, das ist ganz normal. je häufiger man solche oder ähnliche erfahrungen macht, umso mehr kann man [hoffentlich!] die beiden wahrnehmungen aneinander angleichen. – hilft es dir denn, wenn du weißt: so nervös, wie ich gerade bin, nimmt mich der andere höchstwahrscheinlich gar nicht wahr!?

    hast du schonmal ein video-training für irgendetwas gemacht? ich fand‘ es da selbst auch sehr überraschend, wie ‚anders‘ ich ‚von außen‘ wirke.

  6. Videotraining? Uhurks. Nee. Das ist für mich auch eine gruselige Vorstellung. Ich habe ja schon Schwierigkeiten mit meiner Stimme, wenn sie vom Band kommt.

    Das mit der Gruppenvorstellung klingt wirklich sehr spannend. Sowas hätte ich in der Tat gerne mal ausprobiert. Hmm.

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