So richtig kennen wir sie eigentlich nie

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn in Büchern Figuren sterben. Schon gar nicht, in Kriminalromanen, da gehört es ja dazu. Eine Grenze erreicht das bei mir allerdings immer, wenn in einer Serie, irgendwann eine der Figuren um’s Leben kommt, die einem über mehrere Bände lang vertraut geworden ist. Da kann ich nicht einfach drüber weglesen und an solchen Stellen tauche ich auch meist recht rasant aus der Geschichte wieder auf und frage mich, ob das wirklich sein musste. Was bewegt einen Schriftsteller dazu, über mehrere Bücher hinweg eine Figur aufzubauen und sie dann im Sinne der Geschichte zu opfern? Und vor allem: Wie fühlt sich das an? Zweifelt man da als Autor an seiner Entscheidung? Wägt man das ab? Oder kann man da im Tagesgeschäft einfach drüber weggehen? Plant man den Mord/Tod womöglich schon Bände und/oder Jahre im voraus?
Wenn ich als Leser schon so eine Beziehung zu Romanfiguren aufbaue und leide, wenn da jemand ums Leben kommt – wie muss sich das erst anfühlen, wenn man die Figur erschaffen hat und sie dann „totschreibt“?

An so Stellen stolpere ich wirklich immer wieder und mir wird das Herz schwer.

Als ich am Ende des Romans angekommen bin, den ich gerade zu Ende gelesen habe  und in dem eine Figur, die man über 10 Romane hinweg kennengelernt hat, ermordet wurde, hat es mich irgendwie angerührt, was Donna Leon ihren Hauptcharakteren an Dialog in den Mund legt:

Endlich fragte Paola, um ihre Gedanken wieder dem Leben zuzuwenden: „Wird Elettra darüber hinwegkommen?“ „Das weiss ich nicht“, räumte Brunetti ein und überraschte sich dann selbst mit dem Zusatz: „So gut kenne ich sie ja eigentlich nicht.“
Darüber dachte Paola erst einmal ausgiebig nach, und schließlich meinte sie: „So richtig kennen wir sie eigentlich nie.“
„Wen?“
„Die echten Menschen.“
„Was verstehst du unter ‚echten‘ Menschen?“
„Im Gegensatz zu Romanfiguren“, erklärte Paola. „Das sind die einzigen, die wir jemals gut kennen, richtig kennen.“ Wieder ließ sie ihm einen Augenblick zum Nachdenken und sagte dann: „Vielleicht liegt das daran, daß sie die einzigen sind, über die wir zuverlässige Informationen bekommen.“ Sie sah ihn an und fuhr dann fort, ganz als stünde sie vor ihren Studenten und wollte sehen, ob sie ihr noch folgten: „Erzähler lügen nie.“

(aus: Donna Leon – Das Gesetz der Lagune, Commissario Brunettis zehnter Fall, Seite 321, alle Rechte beim Diogenes Verlag, Zürich)

Es ist so genial wahr, dass einem die Charaktere aus Büchern so nahestehen, weil man eben im Gegensatz zu jenen der ‚echten‘ Menschen, auch ihre Gedanken und Gefühle kennt. Und obwohl ich seit ich zu Lesen gelernt habe – also fast mein ganzes Leben lang – immer viel gelesen habe, war mir das nie in so einer schlichten Klarheit bewusst.

nachdenklich
Katja

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8 Kommentare zu “So richtig kennen wir sie eigentlich nie

  1. Falls es dich interessiert, wie das bei mir ist: Mir fällt es schwer, Charaktere zu töten, die ich mag, und ich schreibe eher selten Charaktere, die ich nicht mag.
    Trotzdem bin ich strikt, wenn es sein muss. Ich will nämlich nicht zu berechenbar werden.
    Natürlich zweifle ich dann auch manchmal, aber für mich fühlt es sich beim Schreiben nur selten mal so an, als würde ich was entscheiden.

    • Danke! Ich hatte ehrlich gesagt darauf gehofft, dass du vielleicht etwas dazu sagen magst. 🙂

      Ich stelle mir das auch wirklich schwierig vor, als Autor, nicht doch an jedem der selbsterdachten Charaktere irgendetwas zu mögen. Fast so, wie Eltern eben (in einigermaßen ‚gesunden‘ Familien) bei den eigenen Kindern auch üblicherweise eher über ihre Schwächen hinwegsehen können – zumindest bei der Verteidigung nach aussen hin.

      Zwischen deinem vorletzten und letzten Absatz entsteht aber in meiner Wahrnehmung ein Bruch. Aber vielleicht verstehe ich dich auch völlig falsch? Für mich liest es sich als würdest du beim Schreiben eher intuitiv vorgehen, also wie eine Art Fluss, in dem die Geschichte fließt und sich selber ergibt/entwickelt.
      OK, das ist wohl mehr meine Interpretation dessen, was du gesagt hast. Vielleicht hast du das auch ganz anders gemeint?
      Wenn das aber in etwa dem entspricht, was du meintest, wäre die Berechenbarkeit doch ohnehin aussen vor, oder? Oder meintest du, dass du insofern strikt bist, dass du dieses „Fließen“ nicht aufhältst oder umlenkst, wenn die Geschichte an einer bestimmten Stelle den Tod eines Charakters erfordert?

      Ich würde mich sehr freuen, wenn du Lust hast, das noch ein bisschen für mich aufzudröseln. Das beschäftigt mich nämlich immer mal wieder seit ich lese und früher war ich einfach nur furchtbar sauer auf die Autoren und hab sie als entsetzlich herzlos empfunden, dass sie eines ihrer „Kinder“ einfach so opfern. Nur für ’ne doofe Geschichte. 😉

      • Der Autor redet über nichts liebr als seine Geschichten, da musst du nicht lange bitten.
        Deine Wahrnehmung bezüglich des Bruches ist schon genau richtig. Das ist natürlich auch wirklich eine ambivalente Sache. Die meiste Zeit über ist meine Wahrnehmung tatsächlich, dass die Geschichte wie von selbst fließt. Aber hin und wieder gibt es Momente, in denen der Fluss ein bisschen stockt, und dann sitze ich da und mache mir Gedanken. Außerdem lege ich meistens vorher so ein grobes Gerüst fest, à la „Sonia betritt das Archiv, findet Lenore vor, die beiden unterhalten sich, die Tür klemmt, schließlich hilft Christina ihnen heraus und wird von Lenore erschossen“, so ungefähr in dieser Detailstufe. Das sind durchaus bewusste Entscheidungen, auch wenn ich dann beim Schreiben manchmal merke, dass die Figuren nicht so handeln, wie ich mir das vorgestellt hatte und die Handlung dann doch eine andere Richtung nimmt.
        Ich weiß nicht, ob du Nimmermehr ein bisschen kennst, aber die Geschichte wäre jedenfalls ein gutes Beispiel dafür: Eigentlich sollte das mal ein Zombieroman werden.

      • Hab vielen Dank, das ist ein wirklich spannender Einblick!
        Vor allem die Eigendynamik, die deine Figuren zu entwickeln scheinen, finde ich sehr interessant. Formt sich deren Charakter während du die Geschichte schreibst oder überlegst du dir da vorher eine Art Profil oder Charakterbogen und wirfst diese Figuren dann quasi in die Handlung, die du dir vorstellst und ‚guckst‘ was passiert?

        Nimmermehr…das habe ich ja jetzt wirklich schon nicht nur Wochen sondern Monate ausgedruckt im Regal liegen und zugegebenermaßen immer noch auf dem ungelesenen Stapel. Ich höre aber exakt jetzt auf, es da jedes Mal, wenn ich was Neues zum Lesen aussuche, zwar anzuschielen, aber wegen der losen Blattsammlung liegen zu lassen und lese es jetzt endlich einfach. Das trifft sich gerade hervorragend, weil ich ja heute Vormittag mein letztes Buch ausgelesen habe. In ein paar Tagen kann ich dann also vermutlich einschätzen, wie das mit den Zombies war. 🙂

  2. Dann hat es sich ja schon doppelt gelohnt, hier zu kommentieren. Ich wünsch dur viel Spaß bei der Lektüre und freue mich über jeden Kommentar. Auch falls es einfach nichts für dich ist, darfst du mir das gerne sagen.
    Was die Charaktere angeht: Wie bei der Handlung. Ich beginne mit einer groben Vorstellung (Lenore ist eine Psychopathin, Sonja eine ehrgeizige junge Journalistin, Martin ein drogenabhängiger Verlierer), die sich dann beim Schreiben hoffentlich entwickelt. Manchmal geht das auch nicht auf, oder erst später, deshalb liegen auf meiner Festplatte immer zahlreiche angefangene Geschichten rum. Menschenähnlich ist zum Beispiel als Idee 6 Jahre alt.

    • Das finde ich wirklich sehr faszinierend und wenn sich bei dir so vieles im Schreiben und während des Schreibens fügt und ergibt, kann ich viel besser nachvollziehen, dass du meinst, es fühlt sich an, als hättest du nur selten Einfluss auf die Geschichte.

      Die Rückmeldung zu Nimmermehr wirst du gerne bekommen. 🙂
      (Zum ersten Mal geknurrt habe ich auf Seite 2 :mrgreen: )

      • Keine Sorge, das ist nach meiner Erinnerung das einzige Mal, dass Lenore ein Tier tötet. Bin mir aber nicht ganz sicher.

  3. Pingback: Restebloggen zum Wochenende (45) « überschaubare Relevanz

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