Aber heute nicht

Manche Tage fühlen sich an, als würde man versuchen, sich in eine zu eng gewordene Jeans zu quetschen. Mit Bauch einziehen und Luft anhalten bekommt man morgens den Knopf eben so zu, aber den ganzen Tag piekst es und zwickt es irgendwo und jede Bewegung fühlt sich bedrückend an und fällt einem schwer. So sehr man auch versucht, durch wiederholtes in-die-Hocke-gehen, dehnen und bewegen zu einer besseren Passform zu finden, wirklich helfen tut nichts und der Druck bleibt den ganzen Tag über bestehen.

Heute ist so ein Tag. Mir ist alles zuviel, stresst mich. Ich fühle mich total unter Druck und bedrängt.
Ich quäle mich jetzt seit fast einer Stunde über der Entscheidung, ob ich heute Spanisch schwänzen soll/kann/darf. In Anbetracht dessen, dass wir fast am Kursende angekommen sind und noch keine zwei vollständigen Lektionen im Buch durchgenommen haben, ist die Gefahr, dass ich ausgerechnet heute uneinholbare Massen an Stoff versäumen könnte, extrem gering. Eigentlich könnte ich mir also bequem ’nen Kaffee machen, den Dienstag Dienstag sein lassen, die Nase in mein Buch stecken und bildlich gesprochen den Jeansknopf für den Rest des Tages einfach aufmachen.

Wenn, ja wenn da nicht die doofe andere Seite wäre und dieses Mistviech von was-auch-immer, das auf mich einredet und mir erzählt, wie schwach das wäre, wenn ich jetzt vor diesem Misttag kapitulieren würde und dass ich ja wohl diesen einen lächerlichen festen Termin pro Woche schaffen sollte. Dann beschimpft es mich als Memme, als Versagerin, als Weichei.

Und ich hocke mitten drin und weiss nicht, welcher der Stimmen ich nachgeben soll und versuche abzuschätzen, womit ich mich wohl hinterher besser fühlen werde. Darf ich mir den ruhigen Abend überhaupt gönnen? Fühle ich mich als Versagerin, wenn ich zuhause bleibe? Sollte ich nicht viel eher stolz drauf sein, dass ich sonst immer hingehe? Immerhin war die Anmeldung zum Kurs doch eigentlich nur ein Versuch, mich wieder mal auf so einen regelmäßigen Termin einzulassen, wo ich auf Menschen treffe. Überwiegt dann nicht eher, dass mir das fast immer gelingt, darf ich dann nicht einmal mal wirklich einfach die Decke über den Kopf ziehen, ohne mich dafür selbst zu zerfleischen?

Ein halbwegs „normales“ Leben zu führen, ist mir mittlerweile so vertraut geworden, funktioniert meistens so gut, dass mich solche Tage, an denen es mir schlecht geht, übel erwischen, weil sie so herausragen. Und ich muss mich so verflucht dazu zwingen, solchen Momenten nicht mehr Gewicht einzuräumen, als ihnen zusteht. Und ich muss mich so verflucht darauf konzentrieren, solche Tage in den richtigen Zusammenhang zu stellen und dort zu betrachten.

Vor vier Jahren war ich im ganzen Jahr seltener vor der Wohnungstür als ich Finger an meinen beiden Händen habe. Nicht mal im Keller bei der Waschmaschine, nicht mal im Hausflur am Briefkasten, nicht mal auf dem Balkon um wenigstens etwas frische Luft zu bekommen. Hat das Telefon geklingelt oder hat es an der Tür geklingelt, habe ich Herzrasen, zitternde Knie, feuchte Hände und Atemnot bekommen und habe selbstredend nicht aufgemacht oder den Hörer abgenommen.
Jetzt habe ich wieder ein Auto, erledige sämtliche Einkäufe, schlendere durch die halbe Innenstadt und Fußgängerzone, um frische Kräuter bei meinem Lieblingsgemüsehändler zu holen, gehe am Rhein spazieren, arbeite im Garten, weil es mir kaum noch was ausmacht, rauszugehen. Ich nehme bestimmt 2 Mal die Woche Pakete für einen der Nachbarn oder wieder mal ein Amazonpäckchen für mich an, schüttele regeläßig dem Schornsteinfeger die Hand oder lasse den Stromableser rein, weil es mir kaum noch was ausmacht, die Tür zu öffnen.

Und ich besuche einen Spanischkurs bei der Volkshochschule. Fast jeden Dienstag. Aber heute nicht.

Katja