Mut, nachträglich empfunden und nachgetragen

Vor einiger Zeit habe ich erzählt, wie sehr es mir zugesetzt hat, als wir im Spanisch-Kurs alle unsere Berufe nennen mussten, wie sehr in meinem Kopf wieder diese Gedankenspirale Wert-abhängig-von-Leistung einsetzte. Gestern Abend erschien jener Abend im April auf einmal in einem völlig anderen Licht.

Wieder ging es um unsere Berufe, aber dieses Mal mussten wir den Nachbarn vorstellen. Und es ging nicht nur um den Beruf, sondern auch um die Arbeitsstelle und den Arbeitsort. Naja, eben so ein erste-Sätze-üben-Ding. Die Panik, die ich vor einigen Wochen an der Stelle empfunden hatte, war nur noch ein „och nicht schon wieder“-Gefühl, aber das liess sich mit zwei Mal schlucken verdrängen. Ich hatte es ja eh schon erzählt und überlebt, mir konnte also eigentlich gar nichts mehr passieren.

10 Minuten später fühlte ich mich allerdings nachträglich ganz schön mutig, dass ich das beim letzten Mal schon so offen erzählt hatte und nicht in das „was ich eigentlich mal war“ geflüchtet bin. Es stellte sich nämlich heraus, dass ausser mir noch drei der (unter 10) Anwesenden aktuell nicht (oder nur teilweise) berufstätig sind.

Ich glaube, wirklich leicht fiel das gestern keinem von denen und bei allem Mitfühlen war ich wirklich froh, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hatte.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir wünsche, ich könnte so lange lächelnd so „tun als ob“ bis ich so sehr in die Enge getrieben wäre, dass ich mit der Sprache rausrücken oder lügen müsste. Ich kann’s nicht und ich fluche oft genug drüber. Ich glaube aber, mir ginge es noch schlechter in so Situationen, wenn ich mich doller in die Ecke getrieben fühlen würde.

Eigentlich wär’s an der Zeit, solche Sprachlernbücher mal auf so soziale Fallstrickschämdinge zu überprüfen. Zumindest die Anfangslektionen bis man sich erst mal eine Weile lang kennt.

Katja

6 Kommentare zu “Mut, nachträglich empfunden und nachgetragen

  1. Dann würde das einigen Menschen sicher leichter fallen. Ich war jetzt zwei Tage von arbeitswegen in München auf einem Seminar. Und als wir gewartet haben, das wir in den Raum können war da noch eine andere Gruppe. Sie sollten ein anderes Seminar besuchen. Jedenfalls sah man ihr Gespräch teils und es ging darum, wer welche pädagogische Schule besucht hat (es gibt nicht sehr viel für Hörgeschädigte). Da machten sich dann sehr kompetent wirkende Menschen klein, weil sie nicht auf einer der als normal geltenden Schulen waren sondern auf derjenigen die selbst unter gut Hörenden als >Elite gilt. Hörende müssen viel Geld bezahlen, ich glaube an die 20.000€ um da lernen zu können. In diesem Komplex gibt es zwei Berufsausbildungen mit je einer Klasse für Gehörlose, die den Stoff 1:1 in Gebärden übersetzt bekommen (das ist nicht überall so) und von denen kaum ein Rehaträger bereit ist die Kosten, an die 36.000 €, zu zahlen. Es gilt also auch unter Hörgeschädigten als Elitär. Und da standen nun Menschen, die sich deswegen schämten. Man könnte ja auf sie hinunterschauen weil sie von der Elite kommen. Das ist vermutlich ein sehr ähnliches Erlebnis wie das wenn man nicht arbeitet und dann sich vielleicht in Bedrägnis sieht.

  2. Hmm, ja, ich glaube, das Gefühl ist tatsächlich vergleichbar, so unterschiedlich das, was es auslöst, auch sein mag. (Als ich deinen Kommentar gelesen habe, fiel mir wieder ein, wie peinlich mir das war, wenn an der Uni jemand mitbekommen hat, dass ich ein Stipendium hatte. 🙄 )

    Und dankesehr für den Glückwunsch! 🙂 Ich glaube, bisher fühle ich mich damit ganz wohl.

    • Das mit dem Stipendium kann ich nachvollziehen. Ich und einige andere Kommilitonen haben unser Studium als „Reha-Maßnahme zur beruflichen Wiedereingliederung“ bekommen. Ich habe mich da relativ schnell emotional distanzieren können, am Anfang war das jedoch heftig wenn dann von „regulären“ Studenten nicht nur getuschelt wurde, weil wir schon „alt“ waren sondern auch so in der Art „ja, so ganz fair ist das ja nicht, dass die hier sind“ oder „die können sich einen faulen Lenz machen, wir müssen nebenbei jobben“. Wir konnten nicht faul sein. Es stimmt zwar, dass die Rehaträger auch das Heimunterbringen und die Mensa bezahlt haben, dafür wollten sie jedoch Gegenleistungen sehen. Das konnte unterschiedlich aussehen. Von mir wurde nur erwartet, dass ich bestimmte Hilfsdienste und -Mittel in Anspruch nehme, andere mussten bestimmte Zensuren bringen, sonst hat der Kostenträger das Geld eingestellt. Also leicht hatten wir es auch nicht.

      • Diesem Neid bin ich auch begegnet, deswegen habe ich das so gut wie niemandem erzählt. Dabei war es da ähnlich – natürlich fördern die nicht unabhängig davon, was man an Leistung abliefert.

  3. So weit denkt das „junge Gemüse“ manchmal nicht. Bei uns war das halt offensichtlich. Wir hatten Leute weit jenseits der 30 dazwischen und auch Leute, die ganz klar vertreten haben „Ich mache das hier nur, weil das Amt das will“, das heißt, wir sind schon aufgefallen. Bei mir kam häufig „Wie, du wolltest endlich Wirtschaftswissenschaften machen? Warum machst du es dann nicht?“ (Das habe ich ja nicht mehr bezahlt bekommen.) Und später: „Wie – Medienpädagogik als Spezialgebiet? Was soll dir das bringen?“ Hinter solchen Aussagen steckt auch ganz viel Neid.

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