Toleranzverhedderung #2

Immer wieder mal lande ich bei Überlegungen über Toleranz.

Ich behaupte von mir, ein toleranter Mensch zu sein, der jeden Menschen erst mal so nimmt, wie er ist. Wenn jemand ganz offensichtlich anders ist als ich, finde ich das primär spannend und anregend, andere Blickwinkel kennenzulernen. Nicht unbedingt, um sie mir zu eigen zu machen, sondern um sie überhaupt erst mal wahrzunehmen. Um über den Tellerrand zu gucken, hilft es ja ungemein, wenn man eine Vorstellung davon bekommt, wie die Welt jenseits des Tellerrandes aussieht. Häufig führt auch genau das dazu, dass Ideen, die bei mir vorher nur vage waren, sich festigen.

In den letzten Monaten fällt mir immer wieder auf, dass meine Toleranz aber exakt an dem Punkt zu enden scheint, wo sie auf engstirnige, intolerante Sichtweisen bei anderen Menschen stößt. Intoleranz ist einer der wenigen Punkte, der mich aus der Ruhe bringt und worüber ich mich richtig aufregen kann. Besonders absurd erscheint mir das immer dann, wenn mir die Engstirnigkeit bei Menschen auffällt, die sich auf der anderen Seite häufig selber als Opfer von Intoleranz sehen.

Wer gibt Mensch das Recht, über andere Menschen (abwertend) zu urteilen, nur aufgrund einer wie auch immer gearteten Andersartigkeit?

Der nächste Punkt meiner Überlegung führt mich dann jedesmal zwingend an die immer gleiche Stelle, an der ich hängenbleibe und nicht in meinen Überlegungen weiterkomme.

Wenn ich mich darüber aufrege und Schwierigkeiten habe, zu tolerieren, dass jemand einem anderen Menschen kleinkariert und intolerant begegnet – müsste ich dann nicht eigentlich bei mir selber weitermachen und mich über mich ebenso aufregen? Ist Intoleranz dadurch irgendwie „besser“, wenn sie lediglich Intoleranz gegenüber auftritt?

Das ist dann immer der Punkt, wo ich mir auf die Zunge beisse und alles, was ich im Begriff zu sagen war, runterschlucke und in Grübeln darüber versinke, wieso mich das so auf die Palme bringt und ich fühle mich mistig, weil ich das Gefühl habe, genauso zu sein, wie ich es überhaupt nicht leiden kann, intolerant einer Eigenheit (in diesem Fall eben zufällig Intoleranz) eines anderen Menschen gegenüber.

Manchmal wünschte ich mir, diese innere Warnlampe, die mich darauf hinweist, dass ich ja gerade im Begriff bin, genau das zu tun, würde nicht anspringen und ich könnte diese Aufregung wirklich mal rauslassen und müsste sie nicht immer runterschlucken. Vielleicht sollte ich das wenigstens mal im Stillen und mit mir alleine tun, vielleicht würde das schon befreien.

*nachdenklich*

Katja

13 Kommentare zu “Toleranzverhedderung #2

  1. Vielleicht ist die ganze Sache eh zu komplex, um sie auf Toleranz und Intoleranz zu reduzieren.
    Ich bin eigentlich der Meinung, dass man in vielen Fällen Meinungen durchaus in richtig und falsch oder sinnvoll und unsinnig einteilen kann. Natürlich geht das oft auch nicht, aber zum Beispiel stehen die Überzeugung, dass jeder Mensch prinzipiell Anspruch auf die gleichen Rechte und faire Behandlung hat und die Überzugung, dass manche Menschen aufgrund beispielsweise ihres Glaubens wertvoller sind als andere, nicht gleichberechtigt nebeneinander. Das darf man auch sagen und denken, finde ich. Man sollte sogar.

  2. Ich glaube, wenn ich das was du schreibst, richtig verstehe, dass du etwas anderes meinst als ich.
    Ich bin nicht der Ansicht, dass es intolerant ist, Meinungen zu bewerten.
    Das was mich aufregt ist, wenn über Menschen geurteilt wird. Und das vielleicht nur aufgrund der Meinung zu einem einzigen Thema, die man von dem Menschen kennt oder weil er eben Schuhe trägt, die man selber niemals anziehen würde. Wenn jemand also auf den ersten Blick dazu neigt, Schubladen zu verteilen.
    Oder mal ganz anders erklärt: Ich bin zB oft anderer Meinung als du. Das ist etwas, was ich persönlich sehr spannend finde und weswegen ich gerne lese, was du schreibst. Und obwohl ich bei vielen Themen ganz anders denke, käme ich nie auf die Idee abwertend über dich als Menschen zu denken. Diese Trennung zwischen einzelnen Momentaufnahmen, Situationen, Meinungen und dem Urteil über einen ganzen Menschen fehlt mir oft – das ist es, worüber ich mich aufrege.
    Wenn anstatt des „ich hab einen mit komischen Schuhen gesehen“ ein „ich hab einen Na*i/Kindergärtner/Schiffskoch (oder was auch immer) gesehen“ kommt, weil das Tragen eben jener Schuhe zu einer Schubladeneinordnung führt.

    • Na gut, ja, dann meinen wir tatsächlich etwas unterschiedliche Sachen.
      Naja, man muss entscheiden, wann man glaubt, genug über einen Menschen zu wissen, um sich ein Urteil zu bilden. Man weiß sicherlich nie genug, aber irgendwann muss man eine Grenze ziehen. Manchmal reicht es vielleicht zu wissen, dass jemand seine Frau / ihren Mann (wir wollen ja fair sein) schlägt, um zu entscheiden, dass man mit ihm / ihr nichts zu tun haben will.
      Natürlich gibt es ein Risiko, dass man ihm / ihr damit Unrecht tut.
      Aber ohne Risiko gehts eben nicht.

      • Klar, das (also dein Schlägerbeispiel) sind natürlich Grenzen, wo auch bei mir jede Toleranz schwindet und wo ich mich eher mit- über jemanden, der schlägt (wen oder aus welchen vermeindlichen Gründen auch immer) aufrege als über denjenigen, der sich über den Schläger aufregt und das nicht toleriert.

        Ich meine tatsächlich die flüchtigen Begegnungen, wo jemand in eine negativ besetzte Schublade gesteckt wird, nur weil er mit ’ner Packung Müsli unterm Arm aus dem Supermarkt kommt. Wo dann scheinbar bei einigen Menschen (die, über die ich mich aufrege) nicht einfach ein Mann mit einer Packung Müsli unterm Arm gesehen wird, sondern derjenige in die Prüglerschublade sortiert wird, weil man ja vor 2 Wochen gelesen hat, dass ein Mann, der immer Müsli gefrühstückt hat, seine Frau geprügelt hat und folglich alle Müsliesser Schläger sind.
        Ich weiss, dass das Beispiel sehr abstrus ist. Es geht mir auch nur um den Mechanismus, der mir immer so sauer aufstößt.

  3. Naja, man muss ja nicht gleich intolerant sein, nur weil es intolerant scheint und selbst wenn, ist es doch gar nicht so schlimm, wenn an einem was missfällt, das gehört doch zum nachdenken, zum erleben, zum diskutieren einfach mal dazu. Im endeffekt hast du es doch zum schluss deienr ausführung auf den punkt gebracht – *nachdenklich* – und das ist doch wohl das tolle, dass du es schaffst darüber nachzudenken, dir gedanken machst und diese versuchst zur sprache zu bringen. Schluck nicht nur, sondern sag es, auch wenn es dir zu deinem ungunsten vorgehalten werden würde, aber du befreist dich von deinem ärger.
    Gruß
    Ico

  4. Hey Ico,
    Willkommen in meinem Blog und Danke für deinen Kommentar.

    Beim Lesen des Kommentars musste ich gerade schmunzeln. „ist doch gar nicht so schlimm“ herrlich, wie du das ganz lässig anstößt, was mir gedanklich so häufig zusetzt! 🙂
    Ich glaube, ich bin völlig unentspannt, wenn es darum geht, dass ich an mir etwas entdecke, was ich nicht leiden kann. Fehler / Makel / whatever bei anderen? Yeah, hab ich keine Probleme mit, bin geduldig und nachsichtig (wenn’s nicht gerade Intoleranz ist *g*). Mir selber gestehe ich da viel weniger zu. *soifz*
    Dankesehr für die Erdung gerade, dass es manchmal wirklich so einfach sein kann und sollte und ich wieder mal meine Geduld mit mir unter die Lupe nehmen sollte. 😀

    Und zu deiner letzten Bemerkung: anderen gegenüber ist mir das in der Tat lachs. Ich bin es, die sich nicht gut damit fühlt.

  5. Eine böse Schleife, wenn ich das hier mit dem kürzlichen „mit-mir-nicht-mehr-Post“ quer lese. 😉

    Regt es Dich immer auf, oder nur bei Menschen die Du kennst oder bei beurteilten Verhaltensweisen, die Dir selbst auch nicht fremd und die Beurteilung letztlich auf Dich bezogen falsch ist?

    • Erstaunlicherweise haben die beiden Themen relativ wenig miteinander zu tun, zumindest was den Auslöser, weswegen sie mir im Kopf rumspuken, angeht. 🙂

      Mich regt Intoleranz immer auf. Ich kann’s nicht leiden, wenn Menschen in Schubladen sortiert und / oder über sie geurteilt wird, von Menschen, die sie gar nicht beurteilen können. Ich mag es und finde es wichtig, jedem Menschen seine Eigenarten und seine Besonderheit zuzugestehen. Ob es um Themen geht, die mich selber betreffen oder ob ich nur Beobachter bin, ist dabei recht schnurz. Wenn es was ist, was mich selber betrifft, werde ich vermutlich eher versuchen, zu erklären. Da löst sowas bei mir eher ein Kopfschütteln aus als dass ich mich aufregen würde.

      Hm, vielleicht müsste ich das, was mich nervt, auch als „Vorurteile“ klassifizieren. Davon steckt da viel drin, wenn es mich so auf die Palme bringt.

  6. von mir mal etwas in diesem punkt vielleicht nicht hilfreiches [aber ich wollte es schon lange mal loswerden]:
    ich finde es toll, wie du es schaffst, dinge, die dich so beschäftigen, aufzuschreiben. mir fallen häufig solche themen ein und entweder vergesse ich das dann zeitweilig wieder oder habe gerade keine lust, es aufzudröseln, wenn ich vor’m rechner sitze :(. freut mich, daß du das hinbekommst und anstöße bekommst :)!

    • Danke! Ehrlich.
      Ich hatte 2 Jahre lang die Idee im Kopf zu bloggen bevor ich tatsächlich anfing. (Mit-)Auslöser, dass ich es tatsächlich getan habe, war ein Gespräch mit einem Freund, der mir sinngemäß – als ich wieder einmal bewunderte, wie gut er Dinge in Worte fassen konnte, die mir unformulierbar schienen – sagte, dass die Klarheit beim Formulieren auch nur eine Übungssache ist.
      Ich habe nicht das Gefühl, dass ich Dinge präzise und griffig formulieren kann. Ich habe aber sehr wohl das Gefühl, dass mir das Schreiben dabei hilft, vage Ideen, greifen und aufdröseln zu können. Meistens habe ich am Anfang solcher Überlegungen keine Ahnung, wohin mich die Gedanken im Laufe des Schreibens führen werden. Und trotzdem fühlt es sich für mich gut und richtig an, das was mich beschäftigt aufzuschreiben.

      Wenn dann noch jemand meine Gedanken aufgreift und mir Input dazu gibt, ist das oft ganz wertvoll und großartig. 🙂

      Hmm, ich weiss gar nicht, ob das jetzt tatsächlich zu deinem Kommentar passt. Die Kurzfassung ist auf jeden Fall, dass ich mir die Zeit (wenn ich’s irgendwie hinbekomme) und Energie, so Dinge aufzuschreiben, gerne nehme, weil ich dadurch im Denken vorankomme. Fühlt sich einfach richtiger und fruchtbarer an als mein früheres Grübeln, bei dem es sich anfühlte als würde ich auf der Stelle treten.

    • ich finde, die antwort paßt :)! und das klitzekleine bißchen, das sie vielleicht/eventuell nicht paßt, macht allemal wett, daß ich dich immer noch so gern lese am anfang, nee: lieber, egal, was du gerade schreibst :).

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