Auf den dritten Blick

Ich hätte nie für möglich gehalten, wie froh es mich mal machen könnte, wenn das Wetter endlich schön genug ist, dass ich anfangen kann, im Garten zu arbeiten; welches gute Gefühl sich schon nach kurzer Zeit einstellt, wenn ich anfange, den Garten vom Unkraut zu befreien. Naja, zumindest von einem Teil davon.
Dass die Gartenarbeit mir ausserdem gut tut, um einen anderen Blickwinkel auf die Dinge zu bekommen, ist mir heute wieder mal aufgefallen.

Als ich in der Nähe des Gartenzaunes, der zum Hof führt, Unkraut zwischen den Osterglocken zupfe, fährt der Nachbar auf den Hof. Ich schlucke, bleibe aber trotzdem in der Nähe des Zaunes anstatt fix in den weiter hinten gelegenen Teil des Gartens zu flüchten, wie es mein erster Reflex gewesen wäre, während er parkt.
Er steigt aus, geht zum Briefkasten, der keine zwei Meter von mir entfernt ist, erwidert mein schüchternes „Hallo“ und bleibt auf zwei, drei Sätze Smalltalk über das Wetter und den Garten stehen. Und wieder überkommt mich das gleiche Gefühl, das mich immer überkommt, wenn ich mit ihm rede. Alles fühlt sich so hölzern und ungelenk an, er wirkt abweisend, unfreundlich.

Doch auf einmal, als er wieder weg ist, schießt mir ein Gedanke in den Kopf, der vor einiger Zeit schon mal kurz aufflackerte, den ich aber wieder völlig verdrängt hatte.
Was, wenn der Herr Nachbar einfach genauso unsicher im Umgang mit mir ist, wie ich es im Umgang mit ihm bin?

Ich meine, ich gehe nicht so oft raus und versuche Begegnungen mit den Nachbarn nach Möglichkeit zu vermeiden. Wenn ich ihm mal begegne husche ich recht schnell und nur grüßend vorbei, ohne stehen zu bleiben und ein paar Sätze zu reden und wenn er mich anspricht, bin ich total verunsichert und nicht sehr gesprächig, was aber nach aussen genauso stoffelig und unfreundlich wirken kann, wie er auf mich wirkt.
Und ich Doofnase fürchte mich davor, dass er mich anstoffelt, anstatt mich drüber zu freuen, dass er es jetzt seit Jahren immer wieder versucht, ein paar Sätze mit mir zu wechseln.

Ich weiss nicht, welches davon die Wahrheit ist oder ob die nicht wieder mal irgendwo in der Mitte liegt. Mir wird aber echt übel bei dem Gedanken, wie sehr ich an manchen Stellen immer noch dazu neige, auszublenden, dass eine Sache ganz anders sein könnte, als ich sie vordergründig wahrnehme. Wenigstens das sollte ich doch langsam mal gelernt haben, dass es meistens eines zweiten und auch dritten Blickes bedarf.

Katja

5 Kommentare zu “Auf den dritten Blick

  1. Frage: Was spricht gegen einen Kuchen zu backen und ihm ein paar Stücke mit Grüßen von Dir vor die Tür zu stellen? Dann kannst Du sehen, was er daraus macht und Du bist derweil nicht „zu dicht“ dran. Kann dann aber passieren, dass er später mal klingelt.

  2. Ufff *Schluck* Das liest sich für mich nach ganz schönem Marathon. Ich glaube, ich muss mich da langsamer voranwagen, Kuchen vor der Tür fühlt sich direkt so verbindlich an.
    Aber mein fester Vorsatz ist, meine Angst ein bisschen beiseite zu schieben und erst mal drauf zu achten, dass ich freundlich lächle und nicht eingeschüchtert den Kopf zwischen die Schultern ziehe. Wenn ich seine „Stoffeligkeit“ nicht mehr so fürchte, fällt es mir hoffentlich auch leichter, eben mal lockere 3, 4 Sätze zu wechseln.

    Keine Angst mehr vor ihm bzw. einer Begegnung mit ihm zu haben, wäre für mich schon sehr viel für den Anfang. Wenn die erst mal weg wäre, könnte ich vermutlich auch genauer nachspüren, wie freundlich oder auch nicht ich ihn dann finde.

    Würde ich noch keine 3 Jahre hier wohnen sondern zwei Wochen wäre das übrigens eine tolle Idee mit dem Kuchen. 🙂
    Damals beim Einzug war ich längst nicht so weit und mutig. Jetzt wäre ich grundsätzlich mutig genug für sowas, fürchte aber eben, dass die Unverfänglichkeit die sowas direkt beim Einzug als Geste gehabt hätte, nach 3 Jahren nun nicht mehr da ist.

  3. Frage1: Wer sagt was unverfänglich ist und was nicht?

    Will sagen => Scheiss drauf 😀 Du machst einen Schritt und er darf reagieren. Ob es nur nach 3 Jahren oder 2 Wochen passiert, wen kümmert es. Was hast Du zu verlieren außer „UFF, das wird hart sich dem auszusetzen.“ 🙂

  4. Naja, es fühlt sich für mich im Bauch nicht unverfänglich an und dann muss ich da schon drauf hören. 🙂
    Was irgendwer sonst dazu sagen würde, wäre mir in der Tat egal. Aber ich müsste mich selber zu sehr verbiegen und wäre das letztendlich nicht, wenn ich hier gegen meinen Bauch agieren würde.
    (Mag sein, dass das Alter des Nachbarn da auch eine Rolle spielt. Der ist (vermutlich) irgendwas zwischen Ende 50 und Mitte/Ende 60, also von meinem Standpunkt aus zu jung, um irgendwie das dem-Opa-Kuchen-backen-Gefühl aufkommen zu lassen, aber zu alt, um ihm irgendwie auf einer (lockeren) Ebene zu begegnen. Irgenwie eben genau zwischen den beiden Polen, die für mich Unverfänglichkeit bedeuten könnten.

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