Hasenfuß, einsamer

Mein Kopf ist so voll, dass er sich irgendwie schon wieder wie leer anfühlt. Ich versuche, meine Gedanken zu Blog zu bringen und merke, wie ich mich verheddere, schon nach wenigen Sätzen bei einem ganz anderen Thema lande, wie mir ein positiver „alles ist besser als vor einigen Jahren“-Beitrag durch die Finger flutscht und ich auf einmal über Einsamkeit schreibe, die der Preis dafür ist, dass ich versuche, meine Priorität von der virtuellen in die echte Welt zu verschieben, versuche, wieder besser Fuß in meinem Leben zu fassen.

Es fühlt sich so paradox an.

Auf der einen Seite sind meine Tage nicht nur viel voller, sondern auch sehr viel erfüllter. Die Dinge, mit denen ich meine Zeit fülle, fühlen sich größtenteils gut an. Ich habe endlich das Gefühl mich selber wieder mehr zu spüren, zu merken, was gut und richtig für mich ist.

Auf der anderen Seite laufen mir gerade die Tränen über die Wangen, wenn ich daran denke, wieviel Zeit ich vor einigen Jahren im IRC verbracht habe, immer in Gespräche mit Menschen verwickelt, die mir lieb und wichtig waren und sind und wie sehr ich diese Menschen vermisse. Ich versage mir ganz oft, irgendwelche Chatprogramme zu starten, habe Angst, dass ich ansonsten, ohne es zu merken, wieder in die Routine rutschen könnte, ganztägig vor dem Rechner zu sitzen. Und wenn ich dann mal da bin, dann fühlt es sich an als sei ich irgendwo „zu Besuch“ und ich gehöre nirgendwo mehr dazu. Dazu kommt mein schlechtes Gewissen, weil ich mich so rar mache; auch weil ich genau weiss, wie traurig mich das gemacht hat, wenn jemand, mit dem ich über Monate oder Jahre hinweg viel Zeit verquatscht habe, einfach verschwunden ist.

Ich habe das Gefühl, nicht beides nebeneinander haben zu können, nicht kontrolliert damit umgehen zu können, nur stundenweise Zeit im Chat zu verbringen. Wenn ich jetzt mal eines der Programme öffne dann ist das meist eine tagesfüllende Angelegenheit, so wie früher, und ich bin im Taumel, endlich wieder mal mit meinen Lieben zu reden. Vielleicht fehlt mir noch der ausreichende Halt und Fuß und Anker oder was weiss ich auch immer im echten Leben, damit ich mich nicht direkt im Web verliere.

Und manchmal frage ich mich, was das überhaupt soll. Was zur Hölle will ich überhaupt in diesem echten Leben, in dem ich so alleine bin? Und trotzdem weiss ich tief in mir drin, dass ich lernen muss, mich in diesem verfluchten echten Leben, das so kompliziert ist, zurechtzufinden. Wo ich so aus der Kontakt- und Kommunikationsübung bin, dass ich statt mit schlagfertigen Sprüchen wie im Chat, meist nur mit verlegenem Grinsen wortlos bleibe, wenn mir irgendwer ’nen Spruch reindrückt.

Einer meiner sehnlichsten Wünsche – jemanden in der Nähe zu haben, mit der/dem ich gelegentlich mal ’nen Kaffee trinken gehen könnte und einfach ’nen Nachmittag verquatschen – ist gleichzeitig eine meiner größten Ängste, weil ich gar nicht mehr richtig weiss, wie man das macht, reale Freundschaften pflegen oder auch nur knüpfen. Und dann hab ich Angst, dass ich alles falsch machen könnte, was man nur falsch machen kann, weil ich mich so ungelenk und ungeübt auf dem Gebiet, das früher mal eines der normalsten für mich war, fühle, was zu noch mehr Unsicherheit führt, wodurch ich mich davor fürchte, mich noch seltsamer zu verhalten. In Summe führt das dazu, dass ich es überhaupt nicht wage, Kontakt zu der Freundin aufzunehmen, die hier in der Gegend wohnt.

Es ist doch völlig paradox, sich etwas einerseits so sehr zu wünschen und es andererseits so zu fürchten.

Und mindestens genauso paradox ist es, darauf zu hoffen, den Umgang mit Menschen in Trockenübung vom eigenen Garten aus lernen zu können, ohne dafür mit Menschen umzugehen.

Und dann fühle ich mich wie ’n oller Hasenfuß, weil ich mir wieder mal mit meiner doofen Angst selber im Weg stehe.

Katja, die sich mal präventiv dafür entschuldigt, dass das so sehr nach Jammern klingt. Anfühlen tut es sich eher nach Kopf an die Wand schlagen, denn nach jammern. Und Jammern ist sowieso murks und doof und ich mag das nicht. Schon gar nicht an Stellen, wo ausser mir ohnehin niemand etwas ändern kann. Also lest am besten überhaupt nicht. Also falls ihr zufällig unten angefangen habt und nicht eh schon gelesen habt. :mrgreen:

Morgen wird alles wieder gut und die Sonne scheinen. Ommm.

16 Kommentare zu “Hasenfuß, einsamer

  1. Ich finde nicht, dass es nach Jammern klingt. Ich kenne das auch. Und vermutlich wäre ich hier in dieser Miststadt sehr einsam wenn ich nicht bei der Herbergsmutter wohnen würde, wo den ganzen Tag jemand da ist. Außer den Leuten in der Unterkunft, meinen Kollegen und Anand Singh und seiner Familie kenne ich hier endlich so gut wie niemanden. Ich merke das nur nicht so doll weil endlich den ganzen Tag jemand um mich rum ist.

  2. ich kann mir vorstellen, wie schwierig der spagat ist und ich habe auch nicht wirklich eine allumfassende idee oder lösung. aber: wir könnten uns blinddaten, wirklich nur für ’ne halbe std oder so, ganz beschränkt für den anfang :D. ich stelle mich gern freiwillig als versuchskaninchen zur verfügung – sagen wir’s mal so: ich kann mit komplizierten menschen umgehen :). das wäre dann quasi eine trockenübung. [und wenn du fünf minuten vorher absagtest, wäre das auch kein problem.]

  3. rebhuhns Idee finde ich prima. Dem schließe ich mich liebend gerne an, sofern erlaubt, quasi optional als Versuchskanninchen 2 (aber ohne Puschel). 😀

    Ich kann sitzen und schweigen oder stehen und viel quatschen, ganz wie es beliebt. Keine Unfug, völliger und wirklicher Ernst. you name it.

    So, nun muss ich aber los zu Frank Turner in den Schlachthof. baba. *hug*

  4. In der Zeit der Telefonstörer und Spamärgernisse kannst Du ja mal »old school« Kontakt zu der Freundin aufnehmen.
    Per Ansichtskarte. Das verdutzt, wenn die nicht aus der Ferne kommt, wird aber gerne im Briefkasten gesehen. Statt Rechnung, Reklame & Co.
    Schon getestet, macht Spaß!

  5. Hm, jetzt dachte ich sei ich der einzige, der den Vorschlag macht bei Bedarf ein Treffen anzustreben. Weiss ich doch noch nicht einmal ob ich irgendeiner der Gruppen die du genannt hast angehöre… glaube eher nicht.

    Aber wenn du möchtest, melde dich…alles ohne Zwang, alles ohne Druck.

    Auch bei mir bin ich mir im Moment einfach nicht sicher, ob mein dauerndes online sein, nicht eine Flucht ist. Eine Flucht vor dem relane Leben dass mich in der letzten Zeit zu sehr … in den Hintern getreten hat.

    Aber wenn irgendetwas ist, du weisst, wie du mich erreichen kannst, evtl. frag einfach nach mehr…

    gruss
    Armin
    (der nicht weiss, ob dieses Angebot an dieser Stelle überhautpt angebracht ist)

  6. @Charlotta: Naja, empfinde ich es schon als Jammern, weil es schließlich nur in meiner Macht liegt, etwas daran zu ändern. Aber ich schreibe lieber drüber, statt mich mutig reinzustürzen. *soifz*
    Fällt mir gerade leichter. Zumindest als erster Schritt.
    Bei mir ist es übrigens ein einziger Mensch, auf den sich der tägliche reale Kontakt beschränkt. Ansonsten begegne ich, wenn überhaupt, nur Fremden. (Mal von den Leuten im Spanischkurs abgesehen, die irgendwo noch gar nichts so richtig sind, weder Fremde noch Bekannte.)

    @Rebhuhn und Rüdiger: Ufff. Danke. Mein erster Reflex ist der Gedanke, dass ich das doch nicht fertig bringe, also zumindest nicht so bald. Sobald ich nicht mehr hyperventiliere, werde ich aber versuchen, gedanklich mal beim Fluchtreflex anzusetzen und in die Richtung weiterzugrübeln und nachzuspüren. Vielleicht bekomme ich wenigstens aufgedröselt, was genau mir so eine Angst macht.
    Neben all der Angst, freue ich mich übrigens mächtig und bin wirklich gerührt, über eure Vorschläge / Angebote. Danke vielmals!

    @Blinkfeuer: Das ist eine wirklich tolle Idee. Ich werde versuchen, ob ich irgendwie an eine aktuelle Adresse herankomme. Die habe ich dooferweise nicht. Ich weiss nur, dass sie noch im Darmstädter Umkreis irgendwo wohnt. Leider hat sie so ’nen üblichen Namen, dass es vermutlich nicht leicht wird, sie zweifelsfrei zu identifizieren. Aber ich glaube, ein Brief fällt mir leichter als ’ne Mail zu schreiben. (Anrufen geht ja gar nicht.)

    @Armin: Ach du Lieber, zweifel doch bitte nicht so! 🙂 Weisste, ich hab damals ja bewusst nicht unter meinem Nick angefangen zu bloggen sondern mit echtem Namen – und erzählt habe ich davon vielleicht zwei Handvoll Menschen. Es hat schon seinen Grund, dass du dazu gehörst.
    Meine Hasenfußigkeit, was reale Begegnungen angeht, wird dadurch zwar nicht besser, aber der Kaffee mit dir schon so lange fest im Kopf eingeplant, wie ich drüber nachsinne und -spinne, mich irgendwann endlich mal zu trauen, den Roland zu besuchen.

    Pass bei allem online sein auf, dass du nicht den festen Stand da draussen verlierst. Der verliert sich leichter als man ihn wiederfindet.

    (Wie paranoid ist es eigentlich, so sehr in einer OnlineWelt zu leben, dass man fürchtet, von seinen gebloggten persönlichen Gedanken in einer großen Community eingeholt zu werden und daher lieber unter dem echten Namen als unter dem bewährten Nick zu bloggen? Fast mehr als die Befürchtung, zu viel an Realdaten preiszugeben…)

  7. Liebe Katja,
    es wäre vermessen von mir, meine Hilfe anzubieten – doch ich leg sie hierhin und bei Bedarf darfst Du sie gerne annehmen.
    Währends meines Studiums habe ich mich viel mit Soziophobien beschäftigt, da ich zu der Zeit das genaue Gegenteil war, dennoch: Die meisten meiner heutigen Freunde habe ich über das Netz kennengelernt, nicht IRC aber ICQ, Chats, Communities. Nach Feierabend bis mitten in die Nacht und vor der Arbeit auch ein paar Stunden.

    Ich weiß nicht wo Du wohnst … aber ein Kaffee ist sicher drin und glaube mir, ich bin der sanftmütigste Mensch der Welt 🙂

  8. P.S.
    Ich finde es toll, DASS Du es aufschreibst und aus dem Kopf schiebst, die Gedanken in die Realität entweichen lässt und Dich dem Feedback stellst. Ohne Anspruch auf eine wattierte Verpackung.

    🙂

    • Hm, ich muss wohl wirklich auf den meisten Dingen erst mal ausgiebig rumdenken. Das Gedanken aufschreiben hilft mir dabei ungeheuer, weil ich mich dadurch halbwegs strukturiert und eine Weile am Stück mit einem Thema auseinandersetzen muss. 🙂
      Auch dir danke ich wirklich für dein freundliches Angebot. Ihr allesamt rührt mich wirklich sehr und ich kann das gar nicht gut in Worte fassen, wie es sich anfühlt!

      In Südhessen wohne ich übrigens, in der Nähe von Darmstadt. Also schon so 200 km von dir entfernt.

      • Deshalb habe ich mit dem bloggen begonnen. Erst habe ich alle Texte auf dem Rechner gespeichert, dann ins Blog gestellt. Habe damals kaum jemandem davon erzählt, ich wollte es aufschreiben, wegschieben … abgeben. So habe sortiert.
        Und Entfernungen sind sehr relativ geworden in den heutigen Zeiten.

        Sieh Dich bitte nicht genötigt. Ich habe es nur hingelegt 🙂

  9. Aber ich schreibe lieber drüber, statt mich mutig reinzustürzen.
    Wenn ich dir das jetzt sage klingt das für dich vielleicht total bescheuert, weiß ich nicht, was wäre denn wenn du jemandem zwar real gegenüber sitzt (so wie das wohl auch zwei Leute oben angeboten haben), jedoch trotzdem nur aufschreibst?
    Ich weiß, das klingt skurril und ich weiß aus eigener Erfahrung dass es zu Anfang sehr schwer ist nichts zu sagen, das ist jedoch die einzige Methode mit der ich im Direktkontakt mit Menschen die besser hören und sehen als ich kommuniziere bis sie für sich inne haben welche Dinge sie bei einer Kommunikation mit mir beachten müssen.
    Am Anfang habe ich oft selber gesprochen und das war dann ein großer Fehler, weil die Leute dadurch vergessen haben, dass sie auf Dinge achten müssen oder dass ich um sie anzusehen in einem bestimmen Winkel zu ihnen stehen oder sitzen muss (mein Tunnelblick).
    Ich habe irgendwann gemerkt, dass das eine gute Methode ist herauszufinden wer dich wirklich als Mensch mag oder kennen lernen will. Warum sollte das also nicht auch vei jemandem der gut sieht und hört jedoch nicht so viele soziale Kontakte hat als Beschnuppern funktionieren?

    • Hmm, das was für mich der schwierigste Schritt und Sprung ins kalte Wasser ist, ist die Entscheidung mein Schneckenhaus zu verlassen und mich auf Begegnungen einzulassen. Der Großteil der Nervosität, Aufregung und Angst spielt sich tatsächlich vorher ab, sobald ich jemandem gegenübersitze werde ich meistens viel ruhiger. Bei manchen Menschen bin ich lediglich erst mal recht still, kann erst mal besser zuhören als drauf losplaudern. Schwierig finde ich gelegentlich die Grenze der Direktheit, aber ich glaube, so bin ich tatsächlich schon immer gewesen. Ich hab zB auch früher schon immer sehr offen mit meinem Chef geredet. Damals habe ich nur nicht so viel darüber nachgedacht, jetzt verunsichert mich das eher.

      Im direkten Kontakt erst mal nur zu Schreiben würde ich vermutlich eher als für mich unnatürlich und dadurch hemmend empfinden. Meine größte Angst habe ich ja zu dem Zeitpunkt schon überwunden. 🙂

  10. Ich hänge etwas hinterher mit dem Lesen, darum erst jetzt ein Kommentar.
    Ich bin mir sicher, dass Du es schaffen wirst. Du hast auch das mit dem Spanischkurs gewuppt, und das kommt mir persönlich noch wie eine größere Hürde vor, weil Du dort auf lauter total unbekannte Leute triffst (etwas, womit ich ziemliche Probleme habe).
    Ich biete mich auch als Versuchsmonster an, falls Du mal in Hamburg-Nähe bist. 🙂

  11. Hm, Spanisch fällt mir vielleicht deswegen leichter, weil es erst mal um hmm „weniger“ geht. Zumindest weniger Persönliches. Da hab ich das Sprache-Lernen als Fallback, was mir auf jeden Fall bleibt.
    Wenn ich anderen auf der rein persönlichen Ebene begegne, habe ich das Gefühl, mehr falsch machen zu können / mehr zu verlieren zu haben. (Ich kann’s gerade nicht sinnvoller erklären. 😳 )

    Dankeschön! Hamburg ist übrigens meine deutsche Lieblingsstadt und dort war ich in den letzten Jahren in der Tat gelegentlich mal. Ein Freund von mir wohnte dort und ziemlich zeitgleich mit dessen studienbedingten Wegzugs ist ein anderer Freund studienendebedingt wieder nach Hamburg zurückgezogen. 🙂

  12. Ich weiß glaube ich schon, wie Du es meinst… Ich bin auch nicht sooo schnell dabei, was persönliche Begegnungen betrifft, bisher habe ich mich erst mit einer Bloggerin getroffen (war prima), was von der Anzahl her nicht gerade weltbewegend ist. 🙂 Dabei gibt es in HH vermutlich auch Bloggertreffen u. ä., aber wenn ich da überhaupt niemanden kenne, reizt mich das überhaupt nicht, da würde ich nur still in der Ecke sitzen und zuhören. Das kann natürlich auch interessant sein, aber… na ja, wäre ziemlich seltsam.

    Dann lasse ich mich mal überraschen, wann es Dich mal wieder nach Hamburg verschlägt…

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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