Kopfauskippversuch…

Manchmal merke ich, wie mir die Worte fehlen, sich beharrlich weigern, Sätze zu formen, die beschreiben, was meine Welt vor einigen Tagen so erschüttert hat. Mein Kopf ist so voll und immer wenn ich mich danach recke und versuche, einen Gedanken zu greifen und näher zu betrachten, flutscht er mir wie ein nasser Fisch durch die Finger.
Ich schwanke zwischen der Hoffnung, dass die Gedanken vielleicht nur etwas Zeit brauchen und sich dann schon von selber formen werden und dem Gefühl, sie mit harter Arbeit beackern zu müssen, damit sich endlich etwas ändern kann und der Angst, sie könnten, wenn ich sie nicht bewusst festhalte einfach wieder verschwinden. So wie sie jahrelang unter der Oberfläche brodelten. Wie ich es nicht schaffte, sie in Worte zu fassen. Wie ich mich zu sehr schämte, sie auszusprechen. Und doch war das Schuldgefühl immer da. Zumindest unterschwellig.

Beim Aufräumen fand ich die Briefe. Und ich hatte nicht mal zwei Sätze gelesen, da ging das Kopfkino los. Versank das hier und jetzt, wich einer Vergangenheit, die mit aller Brutalität wieder real war. Blasse Gesichter, leblose Augen, Blut.

Ich schrie und weinte hysterisch, wollte nichts als die Bilder wieder loswerden. Die Schuld wieder loswerden. Ich wollte mir die Decke über den Kopf ziehen, als könne sie Schutz bieten vor den Bildern. Die Gefühle von damals waren wieder real. So real.

Irgendwann in all der Hysterie war ein Gedanke, an den ich mich klammern konnte. Die Gefühle sind die gleichen, echten. Die Situation ist es nicht. Die Realität ist eine andere und ich musste nur wieder den Boden unter den Füßen finden.
Selten war ich so dankbar über die vertraute Stimme am Telefon.

Und dass ich dem Drang widerstand, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und alles auszuhalten, zu warten bis es vorbei ist und dann wieder wegzuschieben, war das beste, was ich in dem Moment tun konnte.

Darüber zu reden, war das beste, was ich tun konnte.

Jetzt fühlt sich das an, als sei etwas Ver-rücktes endlich gerade ge-rückt. Die Schuld, die dort gar nichts zu suchen hatte, die das Ertragen aber soviel leichter gemacht hatte, ist weg, zumindest annähernd. Darunter liegt Schmerz. Und wieder ist da Angst, genauer hinzuschauen, den Schmerz zu betrachten. Jahrelang konnte ich ihn nicht erkennen, weil die Schuld die Sicht versperrt hat, so allmächtig war. Jetzt weiss ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Meine Welt schwankt, wankt.

Der Kopf weiss, dass das gerade der richtige Weg ist. Ich kann keinen Feind besiegen, den meine Fäuste nicht treffen, weil er nicht mehr als ein Schemen ist, den ich nicht mal sehen will. Der Kopf weiss auch, dass das Straucheln überhaupt erst mal notwendig ist, um überhaupt einen sicheren Stand finden zu können.

Trotzdem fühle ich mich so überfordert davon, diese neue Sichtweise irgendwie und irgendwo einzusortieren. Etwas daraus zu machen, was auch nachhaltig wertvoll ist.

Eigentlich fühlt es sich an, als wäre es dafür noch zu früh. Fast als müsse ich in der Schwebe erst noch ein bisschen mit den Armen rudern, um ein bisschen Gleichgewicht zu finden. Ich habe nur solche Angst, ich könnte die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Aber vielleicht war das auch schon der Sinn? Und ich muss das gar nicht aktiv einsortieren, weil sich die neuen Gedanken in allen Überlegungen von selber einfügen werden? Und alles ist viel unspektakulärer als ich gerade meine, dass es sein sollte, nur weil mich die Erkenntnis so überwältigt hat, dass ich schier nicht glauben kann, dass es jetzt ohne großes Spektakel einfach so weitergehen könnte.

Konfus.

Katja