Gedankenverschwurbelungen, auch zum Verzeihen

Wieso versuche ich’s eigentlich überhaupt immer wieder? Verstehen tut’s sie’s doch eh nicht. Nur losheulen. Ist nicht die Welt grausam und gemein genug zu ihr? Hat sie nicht eh genügend durchgemacht? Und dann komme ich auch noch. Halte nicht die Fresse sondern piekse mit dem Finger, werfe ihr ihre Bequemlichkeit auf Kosten anderer vor. Und sie versteht’s nicht. Hängt so fest in ihrem „so bin ich nicht“ gefangen, dass sie nicht mal zuhört, einfach weiterhin ausblendet. Wieso bin ich eigentlich immer wieder so blöd, mich drauf einzulassen? Kann ich nicht einfach so tun als wäre das, was sie von sich gibt, normal? Freundlich benicken, was sie erzählt. Ich will nicht, dass sie heult. Ich will nur, dass sie wenigstens mal drüber nachdenkt, ihr vielleicht bewusst wird, wie sehr sie über Leichen geht. Und dass das wahrlich nicht neu ist.
Das schlechte Gewissen versetzt mir einen Schlag in die Magengrube. Kämpft gegen das aufmüpfige Ich, das behauptet, es würde endlich mal Zeit sich zu wehren, das endlich nicht mehr still ist. Das endlich nicht mehr zu allem nickt, nur weil ein Nicken erwartet wird.

Ich sehe die pummeligen Vögel, die in letzter Zeit fast immer da sind, vorm Fenster, auf der Terassenbalustrade hin- und herflitzen. Der braune jagt den schwarzen, dann umgekehrt. Und wieder in die andere Richtung. Jetzt habe ich die Tränen in den Augen, fühle mich ausgepowert, leer, begrabe meine Pläne für den restlichen Tag, will mir am liebsten nur noch die Decke über’n Kopf ziehen. Ich frage mich, ob Fresse halten weniger anstrengend war, wohl wissend (oder zumindest hoffend?), dass das eine Einbahnstraße war, dass ich gar nicht mehr würde umdrehen können. Dass der Aufschrei endlich automatisch kommt, sich reflexartig äussert. Eigentlich sollte sich das doch gesund anfühlen. Wieso kann ein Selbstschutzimpuls soviel mehr Kraft kosten als Stillzuhalten? Liegt es daran, dass ich eben nicht das skrupellose Biest bin als dass ich mich fühle, wenn ich ihr so Widerworte gebe? Dass es mir nicht egal ist, wie’s ihr geht? Und trotzdem kann ich nicht mehr still sein.

Bin ich vielleicht doch das skrupellose Biest? Ich will nicht, dass sie sich eine heile Welt zurechtlügt, in der sie die strahlend gütige aufopferungsvolle Hauptrolle spielt. Die Welt war nie heil. Sie war alles andere als das. Bin ich so kalt und unversöhnlich, dass ich das nicht einfach abtun kann? Dass ich ihr heile Welt Spiel nicht mitspielen kann?
Vielleicht muss ich lernen, dass Verzeihen nur etwas mit mir zu tun hat, nicht mit ihr? (Ist das so?) Sie wird nichts einsehen oder bedauern. Wie auch? Was auch? Sie verdrängt alles Dunkle und dreht sich stets ins Licht.

Ich weiss, dass das alles wieder mal sehr wirr ist. Das ist auch eigentlich wieder nur mal ein Kopfinhalt rauskippen und nur für mich gedacht. Falls aber ohnehin jemand bis hierhin mitgelesen hat, wage ich mal was Neues und frage auch direkt, weil ich gerade wirklich die letzte halbe Stunde an dem Gedankengang hänge, ob Verzeihen etwas ist, das der Gegenseitigkeit bedarf oder ob das etwas ist, was man ganz alleine für sich im stillen Kämmerchen ausmachen muss. Wie sehr ist Verzeihen auf der einen Seite von Bedauern / Reue / Entschuldigungen auf der anderen Seite abhängig?

Ich war nie rachsüchtig oder musste Dinge heimzahlen, aber bei genauerer Überlegung, fällt es mir auch wirklich schwer, Dinge zu verzeihen, die derjenige, der sie mir „angetan“ hat, nicht bereut. Ich kann aber gar nicht einschätzen, ob das ein normales übliches Muster ist oder ob nur ich mir damit aus diversen Gründen schwer tue.

Ich wäre sehr dankbar, ein paar Gedanken zu dem Thema zu lesen, die nicht aus meinem (eingeschränkten) Sichtfeld stammen.

Katja

9 Kommentare zu “Gedankenverschwurbelungen, auch zum Verzeihen

  1. Bei mir ist das Personenabhängig. Es gibt Menschen von denen ich mir sagen kann, dass sie mich heute besser behandeln als zu einer anderen Zeit und, dass das ihre Form von Wiedergutmachen für irgendetwas, welches ich nicht zwingend begreifen muss, an mir ist. Es gibt jedoch auch einige, sehr wenige Menschen, bei denen ich ganz deutlich merke, dass ich etwas wie „Verzeihen“ oder auch einfach eine neutrale Sichtweise erst entwickeln kann wenn sie „bluten“, so wie ich es verstehe. In der Beziehung bin ich dann schon etwas rachsüchtig und es war ein heilsamer Fortschritt das zu erkennen. Allerdings sind das keine Menschen, die heute noch zu meinem Umfeld gehören, deshalb kann ich da vielleicht ganz gut Distanz finden. Doch auch das war ein Prozess.
    Meine Mutter zum Beispiel leugnet auch gern alles Schlechte aus unserer Kindheit. Es hat sehr lange gedauert bis ich da Abstand gefunden hatte und nicht mehr wütend geworden bin. Ich habe das geschafft in dem ich etwas Wunderbares aber ebenso Verqueres getan habe: Ich habe mich ihrem kleinen Kind gegenüber gesetzt und dann habe ich gemerkt, dadrin ist bei ihr ein Grundschulmädchen. Das Grundschulmädchen hat sich jedoch schon um Mutti, Vati und die Geschwisterchen kümmern müssen und konnte sich nicht entwickeln. Auf der Stufe ist sie irgendwo stehen geblieben, mag jedoch natürlich auch die Anforderungen die an eine Erwachsene gestellt werden erfüllen. Was sie wegen der Defizite nicht kann. Also muss sie „die Bastelkiste“ herausholen und natürlich sich eine neue Erinnerung basteln an der nicht gerüttelt werden darf. Tut das doch jemand muss trotzig verteidigt werden. Wie bei einem Kind eben. Mir hat diese Sichtweise geholfen.

    • Hab vielen Dank für deine Gedanken, ich muss da ein bisschen draufrumdenken. Zu akzeptieren, dass das Gegenüber gar nicht anders kann macht es vermutlich wirklich leichter.

      Ich wünschte, ich könnte die Konfrontation einfach lassen, sie führt eh nicht weiter. Das Problem ist, dass es dazu immer dann kommt, wenn ich mich vor meine Schwester werfe, um sie zu schützen. Die schafft es leider gar nicht sich selber abzugrenzen und an wichtigen Stellen „nein“ zu sagen.

  2. Zugegeben, ich musste sehr langsam lesen um (hoffentlich) zu verstehen, was los ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob oben das Resultat eines Zwiegesprächs zwischen Dir und einem kleiner Irrwisch, der Dir auf der Schulter hockt ist, oder ob sich jemand Anderes es mit Dir verscherzen will.

    Ok, also m2c:

    Verzeihen hat sehr wohl etwas mit beiden Seiten zu tun. Es muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass einer etwas falsch gemacht hat und sich dafür auch freiwillig entschuldigt und der Andere nimmt an oder nicht. Give-and-Take. Dieses Etwas richtete sich gegen einen Selbst oder hatte ungewollt Auswirkungen darauf. Bekommt der Andere nichts von seinem Fehlverhalten mit, kann der mit einer Verzeihung rein nichts anfangen und macht weiter. Verzeiht man ohne das der Andere etwas davon mitbekommt ist es zudem eher Duldung, ein Zustand der verzehrt weil das Aushalten als solches zusätzlich Kraft kostet. Deswegen Mund auf und sagen was stinkt. Anders geht es nicht. Man ist sich immer selbst der Nächste, was das eigene Seelenheil angeht. In einer partnerschaftlichen Beziehung ist das ggf. anders (warum auch immer), da nimmt man hin bis man nicht mehr kann und trennt sich dann.

    Auf der anderen Seite, wenn jemand Drittes unbedingt in seinem Glashaus sitzen bleiben will und sich partout nicht traut auch mal vor die Tür zu gehen, den kann man auch nicht zwingen. Die Person mit ihrem Fehlverhalten zu konfrontieren heißt auch Verantwortung dafür übernehmen, was dann kommt. Das ist wie eine Sack Reis anstechen und dann nicht wissen, wie man den Reis daran hindert vollkommen unkontrolliert heraus zu strömen. Das geht nur, wenn man beide Hände frei hat und sich nicht selbst festhalten muss.

    Verzeihen ist ein Charakterzug den viele Menschen nie verstehen werden und/oder zu würdigen wissen. Zu oft wird es lapidar vor sich hin gebrabbelt, echtes Verzeihen ist einem Menschen wieder das uneingeschränkte Vertrauen zurück zu schenken, was er schon einmal inne hatte und sich dessen nicht würdig erwies. Dazu gehört Charakter und innere Stärke.

    Jetzt hab ich meinen Kopf auch mal sachte ausgekippt. Ich lese es und habe dennoch das Gefühl etwas falsch verstanden zu haben. Wenn ja, komme ich nicht drauf.

    • Danke vielmals, Rüdiger. Es gab hier gar kein richtig oder falsch verstehen. Der kryptische Anfang oben ist nach einem Telefonat mit meiner Mutter entstanden. Beim drüber nachsinnen kamen mir diese Gedanken zum Verzeihen und eben die Frage, ob das vielleicht besser an mir vorbeiziehen könnte, wenn ich es schaffte – ganz für mich alleine und ohne ihr Zutun (denn das wird es nicht geben) – ihr Dinge zu verzeihen. Das fällt mir aber so ungeheuer schwer, eben wegen der fehlenden Erkenntnis und ich konnte gar nicht mehr einschätzen, ob das jetzt speziell an mir liegt oder ob euch das auch so geht.

      Insofern ist deine Antwort einfach wunderbar, weil sie ganz viele dieser Gedanken enthält, wie sich das auch in meinem Bauch anfühlt, wovon ich es nur nicht geschafft habe, es geordnet in Sätzen zu denken.

      Besonders dies „echtes Verzeihen ist einem Menschen wieder das uneingeschränkte Vertrauen zurück zu schenken, was er schon einmal inne hatte und sich dessen nicht würdig erwies.“ ist ein spannender Gedanke, weil er ganz konträr zu meiner Idee „Verzeihen nur für mich, für meinen Seelenfrieden und ohne Zutun“ ist. Das Zurückschenken von Vertrauen ginge natürlich überhaupt nicht und wenn das tatsächlich ein wesentlicher Punkt von Verzeihen ist (und das glaube ich bei näherer Überlegung), dann kann das, was ich als Idee im Kopf hatte, höchstes irgendetwas anderes, noch zu definierendes werden. *grübels*

      Rüdiger, Charlotta, habt beide großen Dank! Mir hilft das ungeheuer beim Denken, Input zu bekommen. 🙂

    • Du bist hier überaus gern gesehener Gast, dessen Meinung und Gedanken ich jederzeit gerne lese, folglich kannst du hier gar keinen Schwachsinn schreiben! 🙂

  3. Guten Abend [gute Nacht],

    meine beiden Vorkommentierer haben ja schon ein ganzes Stück Essentielles geschrieben, was auch mir spontan durch den Kopf schoss, aber ich habe den ganzen Tag so im Hintergrund darauf rumgekaut, auf diesem leidigen Thema, gerade nämlich mit meiner Mutter habe ich auch immer wieder zu kämpfen, deshalb vielleicht doch ein [oder zwei] Sätze dazu.

    Rüdiger schrieb „es muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass einer etwas falsch gemacht hat“. Gerade das ist es, was so oft fehlt und ohne dieses Verständnis, bzw. zumindest einer Einsicht, was ein Verhalten ausgelöst haben könnte, kann man auch nicht verzeihen [höchstens vergessen, was wiederum eine Verdrängung der anderen Seite wäre].
    Denn wie kann man etwas bereuen, was man sich nicht eingesteht [oder versteht?].

    Versucht man dann blindlings zu verzeihen würde man dem Gegenüber eine ‚Opferrolle‘ zugestehen, was einem wiederum das Gefühl gibt, man hätte ihn/sie ’so davon kommen lassen‘. Ob man damit leben kann?
    Ich glaube nicht, oder wenn dann schwer und Vorfälle im Hinterkopf ansammelnd, was irgendwann die komplette Sichtweise und die Gewichtung der Beziehung an sich extrem verschiebt.

    Ich persönlich habe mir angewöhnt [irgendwelche Taktiken muss man ja entwickeln] ein Thema ruhen zu lassen, sobald ich merke da gegen Wände zu rennen und mich nur ‚pieksend‘ damit auseinander zu setzen, sobald sie das Thema aufs Tablett bringt, dann aber auch – recht stur und mit Bauchschmerzen – meine Meinung, mag sie auch weh tun [eventuell beiden], zu vertreten.

    Verzeihen geht nur, wenn ich zumindest das Gefühl habe, dass das Gegenüber versteht worin die Verletzung bestand, dass ist für mich noch wichtiger als bereuen.

    Tanya, verquer wohl eher den eigenen Kopf sortierend, gesagtes sicher wiederholend, es trotzdem anmerken wollend.

    • Verstehen, oh ja. Das hatte ich in dem Zusammenhang irgendwie ausgeblendet, obwohl das den Kern ja viel eher trifft. Also zumindest den Kern, wie ich ticke. Verstehen ist in der Tat das wichtigere, und vor allem auch essentiell für Reue (oder wie auch immer man es nennen mag). Vielleicht kommt mir das im Zusammenhang mit meiner Mutter einfach so selten in den Sinn, weil ich mich wohl von keinem Menschen, der mich halbwegs kennt, weniger verstanden fühle. Oder eben gekannt. Sie guckt nicht, wer oder wie ich bin, sondern hat ihre vorgefertigte Schablone, wie ich zu sein hätte und freut sich immer unglaublich, wenn sie mich auch nur in ein Eckchen davon reinquetschen kann. (Aber das ist ja wieder ein ganz anderes Thema…)

      Das was du über’s Pieksen, wenn deine Mutter Themen anspricht schreibst, mache ich mittlerweile (!) im Grunde ähnlich – primär auf die Barrikaden gehend, wenn ich das Gefühl habe, meine Schwester beschützen zu müssen.

      Zu einigem habe ich mittlerweile ganz gut Distanz, aber manchmal wünschte ich, nichts davon würde mir mehr nahe gehen und ich könnte einfach damit abschließen. Andererseits wäre ich nicht ich, wenn mich Dinge nicht mehr berührten und ich sie einfach abhaken könnte.

      Tanya, herzlichen Dank für deine Gedanken! 🙂
      Ihr gebt mir echt alle gute Denkanstöße, um im Kopf damit rumzujonglieren.

  4. Pingback: Sorry seems to be the hardest word « Gedankensprünge

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