Unsichtbar

Ich habe heute drei Anläufe gebraucht, um das Haus zu verlassen um Einkaufen zu gehen. Es gibt insgesamt zwar nur drei Wohnungen im Haus, aber jedes Mal, wenn ich gerade gehen wollte, tummelten sich Nachbarn im Flur bzw. Treppenhaus. Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter, sich unterhaltend. Ich gehe dann nicht raus. Ich gehe nie raus, wenn gerade jemand im Treppenhaus unterwegs ist. Nicht mal in den Keller zur Waschmaschine. Ich weiss, dass das idiotisch ist, aber ich bringe es einfach nicht fertig meinen Nachbarn absichtlich zu begegnen. Es ist schlimm genug, wenn ich zufällig jemandem beim Verlassen des Hauses oder beim Wäsche waschen begegne. Ich fühle mich unwohl. Statt freundlichem Smalltalk gelingt mir höchstens ein zaghaft lächelndes „Hallo“ mit kaum hörbarer Stimme. Ich weiss nicht, weswegen das so ist. Mit anderen Menschen, der Kassiererin im Supermarkt, der Frau von der Post, meiner Lieblingsapothekerin gelingt mir mittlerweile problem- und zwanglos eine Unterhaltung. Nur meine Nachbarn schüchtern mich so ein. Heute Nachmittag hat mich das extrem genervt. Der Vorsatz war da, einfach rauszugehen, gar nicht darauf zu achten, ob immer noch jemand im Treppenhaus rumgeistert. Dann stand ich an der Tür, die Hand auf der Türklinke, die Knie gaben nach und ich hab’s nicht fertig gebracht. Bin wieder zurück in die Wohnung, hab mich nochmal hingesetzt. Mist das. Ein bisschen fühlt sich das immer an, als dürfe ich nicht da sein, müsse heimlich agieren, mich verstecken, flüchten. Und ich kann dem Gefühl keinen sinnvoll passenden Gedanken zuordnen. Objektiv gibt es keinen Grund, mich so zu fühlen. Trotzdem ich das weiss und mir selber bewusst mache, bekomme ich das Gefühl nicht weg. Wenn meine Knie nicht so unkooperativ wären, hätte ich’s längst mit einer Augen-zu-und-durch-jetzt-erst-recht Desensibilisierung versucht, aber das ist eine der seltenen Gelegenheiten, wo sie mir noch jedes Mal wegknicken. Mist das.

Katja

19 Kommentare zu “Unsichtbar

  1. Das kenne ich auch. Ich schaue bevor ich die Tür aufmache immer durch den Spion ob gerade jemand durchgeht oder stelle mich kurz vor unsere Tür und fühle ob da irgendwo Schritte vibrieren. Wenn das so ist, gehe ich meistens erstmal wieder rein. Obwohl unsere Nachbarn sehr nett sind.

    • Hast du eine Erklärung dafür, weswegen du das machst?
      Für mich ist das nichts wirklich greifbares, weil ich über diesen doofen Panikstatus nicht rauskomme und der vernebelt die klaren Gedanken zu sehr.

      • Okay, in meinem Falle habe ich sie. Wir sind die Paterrewohnung und ich lebte schon einmal Paterre und da hat jemand versucht meine Tür aufzubrechen. Daher wird es rühren.

      • Das ist wirklich gruselig und nachvollziebar, dass du dann ein komisches Gefühl hast. Die Vorstellung, jemand könne versuchen, in meinen „geschützten Raum“ einzudringen, lässt mich blass werden. Mir bereitet es schon häufig Schwierigkeiten jemanden freiwillig hier rein zu lassen.

  2. schwierig was wirklich gutes dazu zu sagen; klingt nach einer misslichen lage, die aber glaube nur von dir allein gelöst werden kann, ader jemand den du in solchen situationen anrufen kannst und der dich dann einfach abholt oder ihr eine verabredung trefft die verbindlich ist … ich denke, dass du diese situation meistern kannst, es ist nicht nur wollen oder sich selbst zu zwingen rauszugehen, vielleicht kannst du ja mit etwas selbstmotivation arbeiten, ala wenn ich das heute oder diese woche einmal schaffe, gönne ich mir das oder das …“

    ich wünsche dir energie und selbstvertrauen!

    • Dankeschön für die Wünsche. 🙂
      Ich weiss nicht, ob dir Panikattacken vertraut sind? Mir fällt das leider nicht so leicht, mich da selber auszutricksen. Bei mir ist es eher so, dass ich umgehen (lernen) kann mit Dingen, die ich verstehe. Dafür muss mich damit auseinandersetzen, wieso mir etwas Angst macht. Gerade bin ich an dem Punkt erst mal zu versuchen, herauszufinden, wieso ich an dieser Stelle in Panik gerate, was da überhaupt los ist. Deswegen die noch sehr unsortierten Gedanken oben, die überhaupt erst mal rausmüssen. 🙂

  3. Neugierige Fragen und seichtes Geplapper geht letztlich jeder lieber aus dem Weg, als das man es denn sucht. Das ist nicht idiotisch, IMHO ist das normal, selbst für eine kleine Mietsgemeinschaft. Man wohnt zusammen in einem Haus, jeder für sich, mehr nicht. Räumliche Nähe ist eine Sache, persönliche wieder einer andere.

    • Ich muss gestehen, dass ich mittlerweile sogar manchmal wirklich den seichten Smalltalk mit der Frau hinter der Brottheke oder wem auch immer leiden kann, weil es eine der wenigen Gelegenheiten ist, wo ich mal ohne Telefon oder Internet dazwischen eine „echte“ (im Sinne von mit Augenkontakt) Unterhaltung mit jemandem führen kann.

      Echte Nähe zu den Nachbarn würde ich tatsächlich nicht wollen. Das Gefühl nicht da sein zu dürfen, mich unsichtbar machen zu müssen und die echte Panik, wenn ich dran denke, rauszugehen, wenn wer im Treppenhaus ist, fühlt sich trotzdem ungesund an und ich würde das lieber loswerden. 🙂

      • Ich warte tatsächlich bis ich die fremde Wohnungstür ins Schloss fallen höre. (Die können das nicht leise, die Türen knallen hier selbst mitten in der Nacht mit Wucht zu.)
        Mein Weg ist ja nur ein ganz kurzer, nicht mehr als 4 Schritte von der Wohnungstür zur Haustür.

  4. ja das wieso ist natuerlich eine wichtige frage,mir geht es mit dem telefon so,es klingelt und ich bin zutiefst erschrocken…..oder ich muss unbedingt wo anrufen….ich brauche dann manchmal 3 tage……bei mir hilft nur ablenken,vor dem anruf tue ich etwas anderes wichtiges,etwas auf das ich mich konzentrieren muss,wenn ich mich dann unterbreche klappt es ploetzlich…..
    aber das geht mit den nachbarn natuerlich nicht.Es scheint mir eine art schlechtes gewissen zu sein,da ist warscheinlich mal irgentetwas seltsames in deiner kindheit passiert.
    Ich denke aber das man/frau ein angemessenes verhalten einfach neu einueben kann….wie ist das wenn noch jemand anderes dabei ist und ihr wollt gerade los?
    Wenn man/frau in diesem moment auf das problem konzentriert ist wird es fast unueberwindlich,du musst einen weg finden in dem moment wo du raus gehst mit etwas anderem beschaeftigt zu sein 🙂 ne du musst gar nix
    gruss regido

    • Beim Telefonieren kenne ich das auch. Rangehen kann ich mittlerweile meistens recht gut, selber wo anrufen ist gruselig. Selbst bei Freunden tue ich mir damit immens schwer.

      Schlechtes Gewissen? Hmm. Das ist zumindest eine Idee, wo ich mal kramen und eine Richtung, in die ich überlegen könnte. Dankeschön. 🙂

  5. Stichwort wäre hier: Telefon.
    Mit diesem durch das Treppenhaus gehen, irgendwas hineinplappern (beachten, dass es nicht bimmeln wird) , Nachbarn im Vorbeigehen eine Art Grußhändchen spenden, …draußen Telefon einstecken & grinsen. Hopp, hopp, testen?

  6. Katja, vielleicht bist du damit gar nicht sooo alleine, auch wenn ich zu deinen Gründen natürlich wenig sagen kann. Wir warten auch, bis dass im Treppenhaus erkennbar Ruhe eingekehrt ist. Wenn die Nachbarn sich irgendwo festgequatscht haben, ist das natürlich blöd, da hilft dann nur der schnelle Gang des sehr eiligen Menschen 😉

    Unsere Nachbarn sind nette Menschen, aber ich möcht mich mit ihnen nicht länger unterhalten. Wir hatten schon mal Nachbarn, mit denen man sich auf einen kaffee traf, abens zusammen kochte oder etwas unternahm. Das war aber eine glorreiche Ausnahme. Das Einzige, was uns verbindet ist der Umstand des gemeinsamen Treppenhauses. Beim Small-Talk an der Wursttheke bleibt die angenehme Distanz und die zeitliche Limitierung durch nachfolgende Kunden.

    Die Idee mit dem Telefon am Ohr finde ich übrigens gar nicht so schlecht.

    • Ich weiss nicht, wie ich’s erklären soll. Hmm, ich glaube, der Unterschied liegt in der Freiwilligkeit (oder eben nicht) des Abwartens. Es stört mich gar nicht, dass ich mit den Nachbarn nicht gut Freund bin (sein will) oder mich auch nur mit ihnen unterhalten möchte.
      Mich stört, dass ich das nicht vermeide, weil ich’s vermeiden will, sondern weil der Gedanke rauszugehen, wenn jemand im Treppenhaus ist, bei mir Panikattacken auslöst. Denen würde ich gerne endlich mal auf den Grund gehen – an vielen anderen Stellen meines Lebens bin ich die schlimmsten Beeinträchtigungen mittlerweile losgeworden – und sie nicht weiterhin dulden ohne mich damit auseinanderzusetzen. Es gab immer wichtigere Baustellen, die werde ich nach und nach los. Dieses empfinde ich immer noch als Beeinträchtigung. Das Ziel ist aber nicht ein enger Umgang mit den Nachbarn sondern die Angst loszuwerden und wenigstens grüßen zu können, wenn ich ihnen zufällig begegne ohne fast in Ohnmacht zu fallen. 🙂

      Und Telefon geht eben nicht, weil das – abgesehen von Telefonaten mit 3, 4 Menschen – für mich noch ein fast so schlimmer Brocken ist. Der Gedanke, frei zu sprechen (oder auch nur so zu tun als wäre jemand dran), wenn noch jemand anwesend ist, bereitet mir Schweissausbrüche.

  7. bitte faß‘ das nicht als drängelei, sondern als interesse auf:
    hat sich da eigentlich in der zwischenzeit der nebel bei dir ein bißchen geklärt? 🙂

    • Jener die Nachbarn betreffende?
      Das ist in der Tat viel viel besser geworden. Im letzten Sommer hatte ich bei einer Gelegenheit eine Weile mit dem Nachbarn drüber zu tun und danach sind wir uns bis in den Herbst dauernd draussen begegnet und haben jedes Mal ein paar Sätze gewechselt. Gerade laufe ich ihm kaum über den Weg, aber Angst habe ich nur noch selten, eher nur mal noch ein komisches Ziepen. Und diese Panik, die mich noch ewig im Haus verharren lässt, wenn wer im Treppenhaus ist, gibt es gar nicht mehr.

      Ich hatte eine Zeit nachdem ich das hier schrieb, noch einen ganz anderen Gedanken den Nachbarn betreffend und der machte es mir schon leichter, ihm zu begegnen. *such* (falls es dich interessiert :))

      • ja, den nebel meinte ich :). cool. und stimmt, den artikel über den nachbarn, der vielleicht unsicher[er als du?] ist, hatte ich auch gelesen, damals. danke für den link.

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