Loslassen

Eigentlich sollte ich gerade froh sein.

Endlich packe ich etwas an, vor dem ich mich schon so elendig lange drücke und rücke dem großen chaotischen Regal im Arbeitszimmer zuleibe. Viele der Dinge, die dort lagern, sind noch vom letzten Umzug oder auch dem davor in kleineren Pappkartons verstaut, viel Kram liegt einfach offen rum und sieht chaotisch aus. Mich nervt das schon lange. Ich will mich schon lange drum kümmern.
Samstag war ich bei Ikea und habe Kunststoffboxen besorgt. Das liefert Stauraum – irgendwie hab ich viel zu viele Regale und zu wenige Schränke – und sieht nicht so unordentlich aus wie die doofen Pappkartons.

Vorhin habe ich angefangen, die ersten Kartons in Angriff zu nehmen. Bei der Kiste mit den Fotos ist es mir noch ganz gut gelungen, die einfach in eine der neuen Ikeaboxen umzusortieren – ohne jedes einzelne umzudrehen, anzuschauen, mich zu erinnern. Bei der zweiten Kiste war das nicht mehr so einfach. Die war voll mit Papierkram. Fast alles mit Büroklammern gebündelte Kopienstapel, fast alles alter Unikram, fast alles davon liegt jetzt im Papiermüll.

Eigentlich sollte es mir gerade gut gehen, weil ich’s endlich geschafft habe, die Sachen wegzuwerfen. Stattdessen hocke ich hier und habe immer noch Tränen in den Augen.

Ich wollte Lehrerin werden, so sehr, wollte jungen Menschen Türen aufstoßen zu einer faszinierenden Welt, wie sie mir vor Jahren, als ich mein Abi gemacht habe, aufgestoßen wurde. Chemie, das ich früher so abgrundtief gehasst hatte und das ich dann später am Kolleg heiss und innig lieben gelernt hatte, hat mir klargemacht, wie unglaublich groß der Einfluss, des Lehrers – sowohl als Lehrender als auch als Mensch – darauf ist, ob man als Schüler Zugang zu einem Fach bekommt. Meine alte Chemielehrerin am Kolleg, die ich unglaublich verehrte, hat mir die Augen geöffnet, wie Lehren funktionieren kann, wenn man all sein Herzblut in den Beruf legt und genau das wollte ich auch machen, mein Herzblut einzusetzen, um ein bisschen von dem weiterzugeben, wovon ich mich so glücklich fühlte, es gegeben bekommen zu haben.

Der Traum ist lange schon ausgeträumt. Dass ich dem psychischen Druck, den der Beruf in der heutigen Zeit mitbringt, nicht gewachsen bin, weiss ich längst.
Jetzt in letzter Konsequenz die Dinge wegzuwerfen, die noch an das Leben, das ich führen wollte, den Traum, den ich mal geträumt habe, zurückerinnern, tut trotzdem ungeheuer weh.

Warum nur, fällt es mir immer so schwer, loszulassen? Warum sehe ich immer nur den Verlust und nie die Chancen, die darin stecken, mich von alten Ideen, Gedanken, Mustern, Wasauchimmers frei zu machen?
Ich heule Dingen hinterher, mit denen ich eigentlich längst abgeschlossen habe. Immer am gleichen Punkt – an dem, wo das äussere Zeichen, Symbol, eine Handlung kommt, das/die den Abschluss bekräftigt – raubt es mir den Atem, pocht das Herz, kriecht die Angst mir langsam über den Rücken hoch, macht sich im Nacken breit. Nach ein paar Tagen dann, ist es fast immer so, dass ich das Gefühl habe, endlich eine Belastung losgeworden zu sein, von der ich gar nicht mehr so recht wahrgenommen habe, dass sie da ist. So wie man manchmal, nach langem Marsch, erst nach dem Ausziehen der Schuhe, wenn die Füße auf einmal ganz leicht werden, merkt, wie schwer es einem das Schuhwerk gemacht hat, die Füße anzuheben.

Aus der Erfahrung heraus hoffe ich, dass dieses Gefühl von Leichtigkeit, nach dem Abfallen einer alten Bürde, auch dieses Mal wiederkommen wird. Trotzdem wünschte ich, ich könnte endlich mal was loslassen, ohne dass es mir so zusetzt. Der Kopf weiss doch eh längst, dass das nur vorübergehend ist. So langsam könnte der Bauch doch mal mitziehen und sich direkt über die Chance freuen, die das Abstreifen von alten Ideen mit sich bringt.

Katja