Schatten der Vergangenheit

Das Doofe an Angst ist, dass sie nur selten rational daherkommt. Befinde ich mich mitten drin, legt sie, ganz im Gegenteil, das Hirn ziemlich lahm. Früher hat das noch zusätzliche Panik in mir hervorgerufen – Angst vor der Angst vor der Angst vor der Angst -, mittlerweile ist sie mir so eine alte Vertraute, dass ich, wohlwissend, dass das Gefühl vorbei gehen wird, ausharren und dabei sogar noch einigermaßen ruhig bleiben kann.

Je ruhiger ich bleibe, desto leichter fällt es mir dann, irgendwann, der Angst mit offenen Augen zu begegnen. Statt mit rasendem Herzen panisch, wie auf einem Laufband in die falsche Richtung stehend, versuchen davonzulaufen, gelingt es mir manchmal soviel Abstand und Ruhe zu behalten, dass ich, wie an einem Gemälde in der Ausstellung mit offenen Augen, langsam daran vorbeigehen und sie ausgiebig betrachten kann. Genau hingucken kann, was es überhaupt ist, was mir an einer Sache Angst macht. Ruhig überlegen kann, weswegen das so ist und was denn überhaupt der worst case meiner Befürchtungen sein könnte.

Oft genügt dieses wache Wahrnehmen, um Ängsten ihren Schrecken zu nehmen, mich für die Zukunft dagegen zu wappnen. Die Erinnerung an das Auseinandernehmen und das Ergebnis reicht aus, um das Gefühl, direkt beim Aufkommen, damit auszubremsen.

Bei einigen Dingen schaffe ich’s sogar, mir eine Angst bewusst vorzuknöpfen. Nicht in einem Moment, wo sie eh da ist, ruhig zu bleiben und hinzugucken, sondern sie in einer völlig „gefahrlosen“ Minute rauszukramen, zu drehen und zu wenden und von allen Seiten zu betrachten.

Manchmal glaube ich wirklich, der Umgang mit Angst lässt sich genauso erlernen und ist genauso eine Übungssache wie so viele andere Dinge im Leben. Gewohnheit macht lässiger, nimmt viel Stress raus.

Dooferweise gibt es aber auch Ängste, an die ich einfach (noch) nicht rankomme. Heimtückisch erwischen sie mich, meist ohne großartige Vorankündigung und bringen mich total ins Schleudern, aus dem Konzept.

Eine davon ist eigentlich so lächerlich (oder wäre das zumindest, wenn es einen rationalen Maßstab gäbe), dass es mich ganz schön nervt, mich davon immer wieder so überfallen zu lassen. Wenn ich dann mal hingucken will, glitscht sie mir immer wie nasse Seife davon und ich schiebe den Gedanken weg, um mich morgen damit zu befassen. Das wollte ich schon vor ’nem Jahr. Morgen mal genauer gucken, was da überhaupt los ist. 🙄

Da ich das konsequent nicht hinbekomme, zwinge ich mich jetzt also eben mal selber dazu, drüber zu schreiben. Vielleicht funktioniert das ja wenigstens. Versuch macht wie so oft kluch.

Es gab eine Zeit, da habe ich mich total von meinen Freunden zurückgezogen, weil ich so eine Angst davor hatte, erklären zu müssen und nicht zu können, was mit mir los ist. Was mit mir passierte, machte mir ohnehin solche Angst – die Vorstellung zugeben zu müssen, dass ich keine Erklärung dafür habe, machte es noch schlimmer. Fast als würde es dadurch bestätigte Wahrheit, dass ich’s aussprechen würde.
Da ich genau in der Zeit umgezogen bin, war es relativ einfach, einfach unterzutauchen – nicht mehr rauszugehen, die Tür nicht mehr zu öffnen, nicht ans Telefon zu gehen, Mails nicht mehr zu beantworten.
Wenn man die Augen zusammenkneift, sich die Ohren zuhält und lange genug „lalala“ vor sich hinsingt, geht wohl alles früher oder später mal vorbei…

Irgendwann fing ich zaghaft an, über’s Internet Kontakte zu knüpfen. Geschützt durch die Anonymität und Distanz, fiel mir das wesentlich leichter als live.
Ich hab nie jemanden angelogen und trotzdem nur wenigen Menschen, die mich fast alle direkt gefragt haben, erzählt, dass ich nicht rausging, was los war. Ich habe nie eine fröhlichere Laune vorgegaukelt als ich hatte und trotzdem sah niemand die Tränen an schlimmen Tagen. Und obwohl ich alleine war, war ich nicht ganz alleine.
Anfangs sehr selten, mit den Jahren wesentlich häufiger, habe ich jemanden von den Menschen, von denen einige mittlerweile meine Freunde sind, getroffen und festgestellt, wie anders, näher, besser doch ein direktes Gespräch ist, bei dem man sich bei ’nem Kaffee oder Wein an einem Tisch gegenübersitzt. Auch wenn ich immer noch fast jedes Mal vorher vor Angst und Nervosität fast sterbe.

Irgendwann kehrte sich das Gefühl, dass die damals selbstgewählte Einsamkeit (und damals hätte ich wohl gar nicht anders gekonnt) ein Schutz ist, dahin um, dass das primär ziemlich einsam ist.

Aber genau das, kommt langsam an den Kern der Sache, die mir warum-auch-immer solche Angst macht.

Mir reicht’s so gehörig damit, so viel alleine zu sein. Und so lieb ich viele der Menschen im Netz auch habe, will ich mich nicht mehr 24/7 in der Onlinewelt verlieren, so sehr, dass ich das Gefühl habe, das Leben da draussen findet ohne mich statt, mein Leben findet irgendwie ohne mich statt.
Aber das was ich nicht schaffe ist, reale Kontakte zu knüpfen.

Vor etwa 1,5 Jahren hat ein Freund mich bequatscht, mich bei so ’nem social network Dingens anzumelden. Nachdem ich das erst mal ganz gut fand, da einige alte Bekannte und Freunde wiederzuentdecken, hat es mir nach kürzester Zeit eine Riesenpanik gemacht als während nur einer Woche Urlaubs und Netzabwesenheit kurz nach dem Anmelden zig Mails eintrudelten von Leuten, die bestätigt haben wollten, dass wir uns kannten. Das ging bis hin zu Müttern von Mädels, mit denen ich in der Grundschule war und die in meinem alten Heimatdorf in der gleichen Strasse wohnten. Also wirklich Leute, denen ich weder in diesem, noch im nächsten Leben auch nur noch ansatzweise wieder begegnen möchte.
Mich hat das damals total überfordert und mir eine Heidenpanik eingejagt und das letzte, worauf ich gekommen wäre, wäre gewesen, die Kontakte einfach abzulehnen. Sowas macht man ja nicht. Zumindest nicht als verklemmter, schüchterner, komplexbeladener Mensch.
Stattdessen habe ich mich nicht mehr eingeloggt.
Ganz klar: Augen zusammenkneifen, Ohren zuhalten und lange und laut genug „lalala“ hilft ja quasi immer. 🙄

Das Doofe an der Sache ist, dass ich da auch wieder Kontakte zu einigen wenigen alten Freunden geknüpft hatte, in der kurzen Zeit einige wenige zaghafte PNs ausgetauscht hatte. Und ich hab’s wieder getan. Ich bin wortlos nicht mehr aufgetaucht, weil mir etwas zuviel Angst gemacht hat, zu groß war, mich überfordert hat. Manchmal denke ich, ich bin überhaupt niemandes Freundschaft wert, so lausig wie ich mich gelegentlich verhalte, wenn ich zu viel Angst habe und ich bin den Menschen, die trotzdem mit mir befreundet sind, unendlich dankbar, dass sie’s mir mir aushalten.

Seit fast einem Jahr, will ich mich wenigstens bei einer alten Freundin wieder melden, die ich in diesem Netzwerk wiedergefunden habe. Einer der ersten Menschen, die ich im Internet kennengelernt habe, noch lange bevor ich krank wurde. Wir haben uns nicht nur online sondern auch live auf Anhieb verstanden als wären wir völlig durchgeknallte Zwillinge. Mittlerweile wohne ich sogar direkt bei ihr um die Ecke. Sie wohnte damals schon in Südhessen, bevor ich in die Gegend zog. Und es könnte so schön sein, sie endlich mal wieder zu sehen – nicht nur zu lesen. Zusammen an ’nem Tisch zu sitzen und Kaffee zu schlürfen. Wenn da nicht meine Scheissangst wäre…

Gestern habe ich seit langen Jahren wieder mal einen meiner Lieblingsfilme gesehen. Ich glaube, ich erwähnte schonmal, dass ich – was Filme angeht – wohl echt ein Mädchen bin.
Ist sie nicht wunderbar? mit einer wirklich wunderbaren und sehr jungen Mary Stuart Masterson und eine Szene, an die ich mich gar nicht mehr erinnerte, passte so gut. Als Watts (vermutlich nicht ganz wörtlich zitiert) zu Keith sagt:
Lieber sehe ich dich seltener und glaube daran, dass du mich magst als in deiner Nähe zu sein und zu spüren, dass du mich hasst.

Ich hab keine Ahnung, ob wir uns nach all den Jahren überhaupt noch mögen und verstehen würden und eine Garantie dafür gibt es auch nicht, egal wie gut das früher gepasst hat. Viel zu viel Zeit ist vergangen, viel zu sehr habe ich mich geändert und vermutlich nicht nur ich mich.

Und so sehr ich mir auch einrede, dass ich ja nichts ausser einer Illusion zu verlieren habe, so sehr klebe ich an dieser Illusion fest, unfähig mich auch nur näher damit auseinanderzusetzen, wieso ausgerechnet so eine vergleichsweise Kleinigkeit mir so zusetzt.

Bei so vielen Dingen rede ich mir immer wieder selber ein, dass nur den Mutigen die Welt gehört, aber ausgerechnet, wenn es darum geht, diese verschissene Einsamkeit, die mir mittlerweile so oft zusetzt, zu bekämpfen, bin ich feige als ging’s um mein Leben.
Was ist der Verlust einer Illusion aufgewogen mit der Chance ein bisschen weniger einsam zu sein? Und wieso zur Hölle, logge ich mich jetzt nicht einfach auf dieser doofen Seite ein und schreibe ’ne PN?

Katja *soifz*