Doppelte Reise in die Vergangenheit

Morgens, die Einkaufstasche am Arm baumelnd die sandige Dorfstraße zum Kaufmann langschlendernd, um Brötchen zu holen, fühlte sich die Zeit an, als hätte sie jemand um 30 Jahre zurückgedreht. Damals war es immer Sommer und warm und der Weg von der Ferienwohnung aus war ein Stück länger als der von der Wohnung aus, in der meine Mutter jetzt lebt, aber auch in dem kleinen Dorfladen war die Zeit immer noch genauso stehen geblieben wie sie das schon in Kindertagen war.

Wie kurze Blitze zuckten die Erinnerungen hoch, vom Angeln, von etlichen unfreiwilligen Tauchgängen im Teich, von Waldspaziergängen, Gesichter kamen und gingen, Namen zu den Gesichtern, obwohl alles so lange zurückliegt. Die Urlaube, die Kinder im Ort, die schon bei unserer Ankunft auf dem kleinen Mäuerchen vorm Haus saßen und uns erwarteten, die die Jugendjahre überdauernden Brieffreundschaften, das sind die glücklichsten Erinnerungen meiner Kindheit und obwohl sich so vieles dort verändert hat, war es auch ein Ausflug in ein Zuhause, das ich immer nur für 2 Wochen im Jahr hatte und dass sich aber mindestens so sehr nach Zuhause anfühlte wie das, in dem ich die restlichen 50 Wochen verbrachte.

Alleine für diese wenigen Minuten, die Erinnerung an diese alten Gefühle, hat sich der Besuch dort gelohnt.

Der Wind im Gesicht, eiskalt, peitschend, der mehr die Bezeichnung Sturm als Wind verdient. Sich dagegen zu stemmen, mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen reinzulehnen ohne hinzufallen, blinzeln auf’s Wasser gucken und plötzlich sind die Erinnerungsfetzen da. Sommer, der Deich im Westen Wangerooges. Der Wind ist etwas wärmer, nicht so schlimm beissend, aber ebenso stark. Er sorgt dafür, dass sich jede Faser meines Körpers so lebendig fühlt, wie selten zuvor. Die Melodie taucht wieder im Kopf auf, die wir damals vielstimmig dem Wind entgegengegröhlt haben. Eins kann uns keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben! So schlecht der Song und die Band schon in den 80ern waren, dieser Refrain, die Worte trafen das Gefühl damals vor 20 Jahren wie es keine anderen besser gekonnt hätten.

Es war gut, das Gesicht in den Sturm zu halten. Noch immer sorgt er dafür, dass ich mich lebendig fühle. Noch immer durchströmt mich in solchen Momenten Lebensfreude.

Alleine für diese wenigen Minuten, die Erinnerung an diese alten Gefühle, hat sich der Besuch dort gelohnt.

Katja

Auftauchen

Ich war versunken. Tagelang mit der Nase in Büchern klebend. In Geschichten getaucht, die mich angenehm wohlig warm umhüllt haben.

Ich weiss nicht mal, weswegen Joanne K. Rowlings Geschichte mich auch beim x-ten Male lesen, so in ihren Bann zieht. Eigentlich lese ich kürzere Geschichten, Bücher lieber als (zu) lange, aber von dieser magischen Welt kann ich gar nicht genug bekommen. Da stören mich nicht mal die Unstimmigkeiten und Logikbrüche, von denen mir bei jedem Lesen ein paar mehr auffallen.

Eigentlich wollte ich nur den letzten Band noch einmal lesen, weil ich den erst einmal gelesen hatte. Klar, dass ich dafür natürlich vorne anfangen musste, damit die Geschichte ihren richtigen Platz einnehmen kann. Irgendwann im November habe ich angefangen, gelegentlich mal ein Kapitel zu lesen, was ich eigentlich gar nicht kann – also so in Häppchen zu lesen. Meist kann ich erst wieder aufhören, wenn ich eine Geschichte quasi inhaliert habe. Wie ein Raubtier, das erst von der Beute ablässt, wenn nur mehr die blanken Knochen übrig sind.

Die letzten 3 Bände, die etwa zweieinhalbtausend der insgesamt etwa viereinhalbtausend Seiten ausmachen, habe ich in den letzten Tagen dann nur noch verschlungen und bin endlich komplett untergetaucht. Den PC habe ich nicht mal eingeschaltet in der Zeit, die Wohnung sieht aus wie Kraut und Rüben, der Kühlschrank ist leer. Heute, nachdem ich vorhin noch die letzten paar Seiten gelesen habe, bei denen mir gestern Abend irgendwann so oft die Augen zugefallen sind, dass es keinen Sinn mehr machte, weiterzulesen, ist das langsame Auftauchen in die Realität dran. Komisch (merkwürdig nicht lustig) fühlt es sich an. Als wären meine Sinne noch nicht wieder wach, echte Eindrücke aufzunehmen. Als müsste ich erst mal gewaltsam den Kopf wieder ins Freie bekommen, ganz so als würde es nicht genügen aus einer Wasseroberfläche aufzutauchen, weil sich eine Eisschicht darüber gebildet hat, die es zu durchstoßen gilt.

Gleich werde ich meine Nase zum ersten Mal in die Kälte des neuen Jahres recken und dann wohl endlich in einem hoffentlich wachen 2010 ankommen.

Spät aber dennoch: Gutes neues Jahr, Welt!

Katja