nachgereichter Ohrwurm

Na toll. Es gibt so Lieder, bei denen genügt es, den Titel zu lesen / zu schreiben / dran zu denken und ich bekomme sie für den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf raus.

Dieser gehört eindeutig dazu und macht mir noch dazu gute Laune:

I said too-ra-loo-ra-too-ra-loo-rye-aye

Katja

9. November

vor 20 Jahren. Meine persönliche Erinnerung an den Abend des Mauerfalls:

Ich war für den Abend mit einer Freundin verabredet. Wie fast jeden Donnerstag wollten wir in unsere damalige Lieblingsdisco. Ein schmuddeliger Laden, bei dem man sich maximal ein einziges Mal zu vorgerückter Stunde auf die Theke aufgelehnt hatte und dann lieber Sicherheitsabstand hielt. Schummrig, eigentlich sogar dunkel. Zum Klo musste man eine halbe Etage nach oben auf eine Art Empore. Dort standen zwei Flipper, an denen wir häufiger spielten. Nur vertraute Gesichter. Über der Theke fehlte eine Deckenplatte, die Jahre vorher dem Käpt’n – so nannten wir den bulligen Typen hinter der Theke und ich habe in all den Jahren nicht erfahren wie er tatsächlich hieß – während der Öffnungszeit vor unseren Augen auf den Kopf geflogen war und die nie ersetzt wurde. In schöner Regelmäßigkeit wurde der Laden für einige Wochen dicht gemacht. Immer gab es Gerüchte, die Behörden hätten den Laden geschlossen und für die Wiedereröffnung bauliche Auflagen erteilt. Aufgemacht wurde jedes Mal wieder, renoviert nicht einmal in den Jahren, wo wir regelmäßig dort waren. In dieser Zeit hat sich die Musik, die gespielt wurde übrigens genausowenig verändert wie die Einrichtung oder die Leute, die man dort traf. Länger als 1 Uhr durfte der Laden nicht geöffnet bleiben, da er mitten in einem Ort lag und es immer wieder Stress mit den Anwohnern gab, und man konnte sich drauf verlassen, dass kurz vor Schluss Come on Eileen von Dexys Midnight Runners lief. Immer.

Nach der Arbeit hatte ich gegessen, geduscht und mit meinen Großeltern geschnackt. Ich bewohnte damals die obere Etage ihres Hauses, sie wohnten unten. Die Jeans, die ich anziehen wollte, war noch nass und da ich mich noch mit meiner Oma unterhielt, schnappte ich mir ihr Bügeleisen und baute ihr Bügelbrett in ihrer Küche auf, um die Hose schnell trocken zu bügeln. Der Fernseher lief die ganze Zeit im Hintergrund. Irgendwann fiel uns auf, dass da überhaupt nicht das normale Programm lief. Oma schaltete den Ton lauter.

Gebannt verfolgten wir die Bilder der vielen Menschen, die sich im Ostteil Berlins an den Grenzübergängen versammelt hatten. Irgendwann flitzte ich die Treppe hoch in meine Wohnung, rief meine Freundin an, sagte ihr, dass ich unmöglich weg könne. Nicht an diesem Abend. Zu sehr fesselte mich, was über den Schirm flimmerte. Sie lachte, wollte mich eigentlich auch schon anrufen, weil es ihr genauso ging, die Bilder sie nicht losließen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

An das, was konkret an diesem Abend zu sehen war, hab ich keine Erinnerungen mehr. Nur daran, dass irgendwann die Mauer offen war, man sehen konnte wie die Menschen aus Ostberlin in den Westen strömten, sich irgendwie alle in den Armen lagen. Unwirklich. Schemenhaft. Ich erinnerte mich an das furchtbar beklemmende Gefühl, das ich immer hatte, wenn ich Berlin besuchte. Bei der Transitfahrt durch die DDR, noch schlimmer bei Besuchen Ost-Berlins. Daran, dass ich immer das Gefühl hatte, nicht laut reden oder gar lachen zu dürfen. Daran, dass ich immer das Gefühl hatte, nicht tief einatmen zu können und dass es sich anfühlte als dürfe ich nicht mal das Verkehrte denken. Und daran, dass ich mich immer fragte, wie sich wohl ein Leben (nicht nur ein Besuch) im Osten anfühlen mochte. Ob die Menschen, die dort lebten, immer so ein beklemmtes Gefühl im Nacken hätten oder je das Gefühl von Freiheit. An diesem Abend als die Mauer fiel, habe ich mich gefreut für diese Menschen, die sich in diesen Tagen alle wie Brüder und Schwestern anfühlten und die endlich würden atmen dürfen, war wie berauscht von den unglaublichen Bildern, der Stimmung dieses ganz besonderen Abends.

Katja