Wenn einer eine Reise tut (2)

(Was bisher geschah: Wenn einer eine Reise tut (1))

Dienstag, 20.10. Der Weg ist das Ziel

Halb 6 Wecker, Dusche, Einpacken und an die Rezeption, die gerade eben so aufmacht zum Zimmer bezahlen. Dann Halt an der Tanke fast schräg gegenüber, weil die von draussen so aussieht, als könne man da selbst um diese Uhrzeit schon Kaffee bekommen. Statt dem mit meinem leidlichen und seit Jahren ungeübten Französisch bestellten einen großen Café au lait schiebt die Frau hinter der Theke mir wortlos zwei kleine Tassen rüber. Heiss. Stark. Wach! Danach ein paar letzte Schritte am Etang de Gruissan und zurück auf die Autobahn um bereits nach wenigen Kilometern direkt noch ’nen Kaffee am Raststättenautomaten zu ziehen. Dann aber wirklich wach.

Und plötzlich sind wir mitten in den Pyrenäen und noch plötzlicher schon in Spanien. Die Strecke ist traumhaft. Berge, rot und felsig, bizarr geformt, durchzogen von Wein, Olivenbäumen und Mandarinen-(oder Orangen?)-bäumen /-büschen rechts der Strasse, zur Linken lässt sich den ganzen Tag über immer wieder ein Blick auf’s Mittelmeer erhaschen, weil die Strecke bis wir nachmittags Valencia erreichen komplett parallel zur Mittelmeerküste verläuft.

(Ich bekomme das leider nicht hin, GoogleMaps Karten direkt hier einzubinden. 😦 Hier gibt’s die Strecke zu sehen.)

Die Kaffeebeschaffung an spanischen Raststätten ist leider viel komplizierter aka sehr viel zeitaufwändiger als an französischen. Ich habe nicht einen Automaten zu Gesicht bekommen. Statt dessen gilt es, mehr mit Händen und Füßen als mit Englisch oder wenigen spanischen Wortfetzen, herauszufinden, ob an der Bar oder Theke, Kaffee zum Mitnehmen erhältlich ist. Dass „con Leche“ wichtig ist, hatte ich direkt nach dem ersten Schluck spanischen Kaffees rausgefunden. Stark! Aber sowas von. Dafür nur etwa halbvoll, was kein Wunder ist, wenn man sich die Größe der spanischen Zuckertütchen, von denen man meist noch mehrere in die Hand gedrückt bekommt und wo ich’s schnell aufgegeben hatte, sie dankend abzulehnen, weil mir das echt erstaunte Blicke eingebracht hat, anschaut. Irgendwo muss die Masse ja auch hin. Die Stärke des Kaffees lässt dann auch kaum Zweifel zu, dass er darauf ausgelegt ist, mit Zucker genießbar gemacht zu werden. Wenn ich’s ja nur nicht so eklig fände. Den Becher könnte man dafür getrost weglassen. Was die Hollandtomate an Wasser zu viel hat, fehlt dem spanischen Kaffee für eine echte flüssige Konsistenz.

Die spanischen Raststätten auf der Strecke bringen ausserdem die Erkenntnis, dass es eine verdammt gute Idee war, Desinfektionsmittel einzupacken und dass es Schinken gibt, bei dem man den Fettrand nicht nur mitessen kann sondern auch sollte. Weil er zum Gesamteindruck dazugehört, der dominierend darin besteht, dass das Zeug auf der Zunge schmilzt und absolut nichts mit dem gemeinsam hat, was ich bisher als Schinken gegessen habe. Kaum salzig, butterweich und ungeheuer mild. Ja Hossa. Ich hatte mich nie so richtig kulinarisch mit Spanien auseinandergesetzt, weil das für mich vordergründig Paella hieß und um die machte ich (zumindest bisher) immer erfolgreich einen Bogen. Mupfeln zu essen, bringe ich einfach nicht fertig – auch wenn ich vor vielen Jahren sogar mal Schnecken probiert (und für nicht lohnend, weil furchtbar zäh, befunden) hatte.

Nur einige wenige Fotos haben die seltenen Pausen gebracht, was sehr schade ist. Die Strecke ging den ganzen Tag über wirklich durch eine Bilderbuchgegend – erst Pyrenäen, dann am Wasser entlang und durch das iberische Gebirge auf die Südmeseta. Nur die Raststätten lagen irgendwie alle so dermaßen ungünstig, dass man von dort aus nicht viel sehen und fotografieren konnte.

Pyrenäen

Pyrenäen

rote Erde

rote Erde

auf dem Weg von Gruissan nach Ciudad Real

unterwegs

Abends, mitten im strömenden Regen, erreichen wir nach langen Irrungen, Wirrungen und Kämpfen mit dem Navi, das sich fast den ganzen Tag geweigert hat, den Zielort zu fressen und sich beim Versuch zum Hotel zu navigieren jedes Mal weggehängt hat (was daran lag, dass das Hotel mitten in einer Fußgängerzone liegt – was dort aber keinen juckt, man kann und muss sogar dort trotzdem langfahren, wie sich hinterher rausstellte), Ciudad Real, die königliche Stadt.

Tolles Hotel, tolles Zimmer, tolles Bad, tolles Hotelrestaurant, tolles Brot, toller Käse, toller Wein, tolles Essen.  Im Vergleich zum letzten Hotel und eigentlich auch zu fast allen Hotels, in denen ich bisher gewesen bin (was weniger sind als Campingplätze oder Ferienhäuser), war das Zimmer wirklich gigantisch und man hat dem Hotel die vier Sterne deutlich angemerkt. Im Restaurant gibt’s selbstgebackenes (!) Brot vorm Essen und Käse aus La Mancha und mir wird spätestens da klar, dass diese Reise nicht nur viel zu sehen bietet, sondern ebensoviel zu schmecken. Beim Probieren von Käse und Wein habe ich das Gefühl, die Landschaft, durch die ich den ganzen Tag gefahren bin, zu schmecken. Hart, karg, felsig einerseits, aber eben auch ungeheuer würzig, herb, leuchtend, duftend. Der Wein schmeckt, wie das Land aussieht. Bisher war ich nie in der Lage aus einem Wein mehr als fruchtig oder beerig rauszuschmecken und mein Wortschatz zum Einordnen endete bei „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Bei diesem Wein hatte ich das Gefühl, ihn nicht nur zu schmecken und zu riechen sondern auch wirklich sehen zu können, mit allen Sinnen wahrzunehmen. Großartig. Und ich bin immens gespannt darauf, wie er in heimatlichen Gefilden schmecken wird. (Jever zum Beispiel kann ich nur im Norden und eigentlich sogar nur auf Wangerooge trinken. Dort schmeckt’s mir, hier finde ich’s gruselig.)

Die Soße birgt die nächste Überraschung. Nachdem wir, müde und hungrig, keine Lust mehr hatten, das Wörterbuch zu bemühen um rauszufinden, was wir bestellen und einfach das zweitobere Gericht auf der Karte bestellt hatten und das Filetsteak an sich schon großartig (!) war, hat es eine Weile gedauert bis ich drauf gekommen bin, dass die Soße nach Karamell und einem Hauch von Sherry schmeckt. Für das Rezept würde ich töten! Naja metaphorisch zumindest.

Der kurze Spaziergang nach dem Essen bringt die Erkenntnis, dass wir uns vorm Weiterfahren morgens unbedingt noch ein bisschen was von Ciudad Real anschauen müssen.

Mittwoch, 21.10. Ciudad Real

Wecker erst um 7, heisse Dusche, zusammenpacken und los in die Stadt, wo ausser einigen Lieferanten noch kaum jemand unterwegs ist.

Huch?

Huch?

Im ersten Moment war ich ehrlich erschrocken als ich vor diesem Denkmal stand, weil die spitzen Hüte bei mir erst mal automatisch die Gedanken auf den Ku-Klux-Klan richten. Dass das kaum sein kann, war mir direkt klar. Was genau es mit der seltsamen „Verkleidung“ auf sich hat, habe ich erst später rausgefunden als ich in Sevilla wieder drüber gestolpert bin. Diese Kutten mit den spitzen Hüten sind in Spanien wohl die übliche Bekleidung für kirchliche Prozessionen.  Ich würde allerdings wohl länger brauchen, bis ich nicht mehr beim Anblick stutzen würde.

Einer der zahlreichen Plätze in Ciudad Real. Davon gibt es wirklich an jeder Ecke einen, was scheinbar, in Spanien ganz üblich ist. Zumindest sind mir in allen Städten, die ich gesehen habe, die Masse an Plätzen aufgefallen.

Ciudad Real

Um was für ein Gebäude es sich handelt, weiss ich leider nicht mehr und hab auch gerade keine Ahnung, wo ich den Ministadtplan mit den Sehenswürdigkeiten aus der Hotellobby hingetüdelt habe.

Nach einigem Suchen finden wir dann auch die Kathedrale de Santa María del Prado, die von aussen erst mal relativ unspektakulär aussieht.

Kathedrale Ciudad Real

Kathedrale Ciudad Real

..und von vorne

..und von vorne

Schnörkellos

Umso überraschender fand ich das Innere der Kathedrale.

Retabel

Retabel

Das Altarretabel (dass man das so nennt, habe ich erst Tage später gelernt) erstreckt sich über die komplette Höhe und ist ungeheuer detailliert gearbeitet. Ich war beim Anblick erst mal ordentlich sprachlos, was auch gut so war. In der Kirche waren nämlich jede Menge Menschen, alle still ins Gebet versunken. Also wirklich komplett anders als meine Erfahrung letztens im Kölner Dom. Ich war in einigen spanischen Kirchen und habe (mit bedingter Einschränkung bei der Kathedrale von Sevilla) immer den Eindruck gehabt, dass das Orte der Ruhe waren. Folglich gibt’s von der Kathedrale in Ciudad auch nicht mehr Fotos. Das war so schon peinlich genug, verschämt und ganz hinten den Fotoapparat auszupacken und zu hoffen, dass niemanden das Klicken stört – was man ja umso lauter wahrnimmt, je ruhiger die Umgebung ist.

Der Rückweg zum Hotel führt über den großen Platz mit dem saubersten Springbrunnen, den ich je gesehen habe über dem der Stadtgründer Alfonso X., El Sabio, thront, der die Stadt zur königlichen Stadt macht und dem unser Hotel seinen Namen verdankt…

Alfonso X.

Alfonso X.

…und vorbei an der großen Kirche, direkt neben dem Hotel, die primär durch ihre riesigen vorgebauten hum Wülste (? nennt man das bei Kirchen auch Zwinger?) auffällt.

Iglesia Parroquial de San Pedro

Iglesia Parroquial de San Pedro

vielschichtig

vielschichtig

Ciudad Real

Ciudad Real

Als wir kurz danach das Gepäck zum Auto schleppen, um die letzte Fahrtetappe anzutreten, setzt pünktlich der Regen wieder ein.

Katja

7 Kommentare zu “Wenn einer eine Reise tut (2)

  1. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (3) « Gedankensprünge

  2. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (4) « Gedankensprünge

  3. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (5) « Gedankensprünge

  4. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (6) – Sonnenuntergangsspezial « Gedankensprünge

  5. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (7) « Gedankensprünge

  6. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (8) « Gedankensprünge

  7. Pingback: Wenn einer eine Reise tut (9) « Gedankensprünge

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.