Wenn einer eine Reise tut (1)

…dann kann er was erzählen. Zugegebenermaßen ist das für mich extremes Neuland. Normalerweise zeige ich nicht mal ungefragt Urlaubsfotos her und selbst gefragt nur recht zögerlich. Andererseits war dieser Urlaub für mich wirklich sehr besonders – nachdem ich jahrelang ausschließlich in Dänemark gewesen bin und dort Strandspaziergänge den Hauptanteil meiner Urlaube der letzten 12, 13 Jahre ausgemacht haben, war diese Reise für mich schon wirklich ungewöhnlich und so wunderbar, dass ich irgendwo ein paar der Erinnerungen festhalten möchte, damit sie nicht innerhalb kürzester Zeit im Alltag versinken.

Und auch wenn es mir fast immer gelingt, nur für mich zu schreiben und zu verdrängen, dass sonst noch wer, meine verschwurbelten Gedanken lesen könnte, habe ich gerade dringender als sonst das Bedürfnis, mich bei den Menschen, die sich gezielt oder auch planlos hierher verirren zu entschuldigen, wenn ich sie jetzt mit meinen „mein schönstes Urlaubserlebnis“ Erzählungen langweile. Kommt einfach später nochmal wieder. Dann gibt’s auch wieder das gewohnte Gedankenchaos. 😉

Montag, 19.10. Los geht’s

Als um 3 Uhr der Wecker klingelte, hatte ich, reisefiebrig wie ich war, noch kein Auge zugetan. Unter die Dusche, in die Klamotten und meine Petra einen letzten Kaffee zubereiten lassen, bevor ich sie ordentlich sauber gemacht und mit Tesafilm verklebt abreisefertig gemacht habe. Sie war dann auch so ziemlich das letzte, was noch an Gepäck fehlte. Und ja: ich weiss, dass es ganz schön verschroben ist, die eigene Kaffeemaschine mit in Urlaub zu nehmen. 😀

In meine wärmste Jacke und den kuschligen Schal gehüllt, war ich nach dem Eiskratzen um halb 5 beim Losfahren froh über die Sitzheizung.
Irgendwas rund um 7 rum passieren wir die französische Grenze. Ausser dass es im Slalom um irgendwelche Hütchen durch eine Baustelle geht, bekommt man nichts mehr davon mit, dass da früher Kontrollen durchgeführt wurden. Mir schießen Erinnerungen an Zolldurchsuchungen mitten in der Nacht auf irgendwelchen französischen Autobahnen in den Sinn, wo die Zollbeamten sich in fitzeliger Kleinarbeit durch unser Kofferraumchaos nach 2 Wochen Campingurlaub, wo quasi nichts mehr in irgendwelchen Taschen verpackt sondern alles lose im Kofferraum und restlichen Auto rumlag, quälten während wir, müde und frierend, neben dem Wagen standen, im Visier eines nur französisch sprechenden Beamten, der den Lauf der Waffe strikt auf uns gerichtet ließ. Urks. Amüsant ist das nur im Nachhinein. Damals – vor gefühlten 100 Jahren – habe ich mich ganz schön unwohl gefühlt.

Die erste französische Raststätte bringt die Erkenntnis / Hoffnung, dass sich an der Hygiene seit meinem letzten Frankreichurlaub vor 13 oder 14 Jahren echt viel getan hat und dass ich französische Kaffeeautomaten mag, weil sie so viele verschiedene Kaffee- und Cappucchinosorten im Angebot haben, dass die Knöpfe nicht ausreichen und Untermenüs hermüssen. Nicht, dass ich was anderes als zuckerfreien Milchkaffee bräuchte, aber kaffeeaffine Menschen / Nationen  sind mir von Haus aus sympathisch. 😀

Wir fahren durch die Berge. Geographiedau wie ich bin, habe ich keine Ahnung welche es sind. Wikipedia verrät mir jetzt im Nachhinein, dass es sich ums Zentralmassiv handeln muss. Gegen halb 11 verzieht sich endlich der dichte Nebel und urplötzlich herrscht herrlichster Sonnenschein. Da wird mir dann endgültig klar, dass ich wieder mal in Frankreich bin. Wow! Der Weg führt uns durch’s Rhônetal und ich kann mich gar nicht an der vorbeiziehenden Landschaft satt sehen. Je weiter in den Süden wir kommen, desto mehr flammt meine alte Liebe zu Frankreich auf. Wie anders sehen die Orte, rechts und links der Autobahn doch im Vergleich zu deutschen Gegenden aus. Die Häuser kleiner, die Dächer flacher und ohne Überhang, die Kontraste zwischen Dächern und Gebäuden schwächer. Alles fühlt sich „weicher“ an und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, eine Fahrt nicht nur als lästige Anreise, sondern als wirkliche Reise zu empfinden. So viele Eindrücke gibt es zu sammeln.

Aussicht vom Hotelzimmer

Aussicht vom Hotelzimmer

Gegen 15 Uhr erreichen wir Gruissan, das erste Etappenziel, früh genug um dem winzigen Hotelzimmer mit prächtiger Aussicht direkt wieder zu entfliehen und die vom langen Sitzen müden Beine bei einem Spaziergang durch Gruissan zu bewegen. In die falsche Richtung losgelaufen haben wir uns allerdings in Gruissan Port verheddert.

Gruissan Port

Palme!

Knuddelig, aber sehr touristisch und eindeutig nach Retorte aussehende Häuschen, die sich in Farbgestaltung und Formen immens gleichen. Beim Knipsen der ersten Palme erscheint das Eiskratzen keine 12 Stunden früher sehr unwirklich.

Rückseite des Hotels

Rückseite des Hotels

Einige Stunden später dann machen wir uns nochmal auf die Socken, um das „echte“ Gruissan anzuschauen, die Festung zu erklimmen, die man vom Hotelzimmer aus sehen kann.

Wow! Obwohl alles zusammen Gruissan ist, sind der Hafen-(Touri)teil und der alte Ortskern komplett unterschiedliche Welten. Frankreich at its best! Enge verwinkelte Gässchen, die sich kreisförmig um den Berg mit der alten Festung winden und bei denen man kaum glauben kann, dass sie befahren werden dürfen – so eng wie sie aussehen.

verwinkelte Gassen

verwinkelte Gassen

Gruissan Village

Gruissan Village

Miez!

Miez!

Die Häuser bieten einen wilden Mix von total verfallen bis zu liebevoll restauriert und gepflegt, mittendrin die wimpelgeschmückte Kirche, an deren Seite die Treppen hoch zur Ruine vorbeiführen. Ganz nach oben kommen wir leider nicht mehr. Um 18 Uhr wird das eiserne Tor bei der Kirche geschlossen und versperrt den Weg zur Ruine.

Kirche Gruissan

Kirche Gruissan

Ruine

Ruine

Wirklich böse bin ich nach dem langen Tag nicht drum. Ein letzter Umweg am Etang de Gruissan vorbei, Fischernetze und Möwen gucken, und dann endlich schlafen.

Etang de Gruissan

Etang de Gruissan

Katja (die selber gerade sehr gespannt ist, ob die Schreibenergie für den Rest des Urlaubs auch noch ausreicht :D)

13 Kommentare zu “Wenn einer eine Reise tut (1)

  1. Oh ja, die Gegend um Grasse fand ich auch immer sehr schön. Wobei ich die Erinnerungen an die Campingplätze in der Gegend lieber verdränge. Die waren meist nicht so sehr erinnernswert.^^

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  3. Ich will doch sehr hoffen, dass die Schreibenergie ausreicht, denn ich verirre mich nicht hierhin, sondern so richtig mit Absicht und gezielt. 😉

    BTW: Du weißt, dass man Dich gut lesen kann, wenn Du nicht zu kryptisch wirst, oder?

    • *was von rot werden nuschel* 😉
      Am Strand ist ja zum Glück nicht so viel passiert, da gibt’s dann mehr zu gucken. Sonst säße ich vermutlich bis Februar bis ich mit der Oktoberreise durch wäre.

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