Hold the line

Ich habe gerade, zuerst bei der städtischen Entsorgungsfirma für einen Sperrmülltermin, dann beim Friseur für einen Termin, angerufen.

Das, was sich so banal liest, hat mich vorher eine halbe Stunde lang in der Wohnung auf- und ablaufen, lieber doch noch einen Kaffee trinken, das Telefon viermal in die Hand nehmen und doch wieder weglegen, tief durchatmen, lieber erst mal die Spülmaschine ausräumen, auf- und ablaufen, wieder zum Telefon greifen und dann schließlich anrufen, lassen. Und zwar beide Telefonate in einem Rutsch, so lange ich das Telefon eh schon in der Hand hielt, weil Weglegen zwangsläufig dazu geführt hätte, dass ich heute nicht noch den zweiten Anruf getätigt hätte.

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Vor einer Weile gab mir jemand, von dem ich weiss, dass Telefonieren ihm auch nicht leicht fällt, seine Telefonnummer für Notfälle. Und obwohl ich natürlich (vermutlich selbst in Notfällen) zu feige wäre anzurufen, fühlte ich mich wie ein König, weil ich weiss, wie schwer es mir jedesmal fällt, jemandem meine Telefonnummer zu geben und wie gründlich ich darauf achte, dass nicht viele Menschen sie haben und auch nur solche, denen ich ausreichend vertraue. Ich vermute, andere Nichtguttelefonierenkönner ticken da ähnlich, daher freue ich mich so über die Nummer – selbst wenn ich sie nie nutzen sollte.

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Ans Telefon zu gehen, wenn ich weiss, wer dran ist (Unglaublich, dass man früher keine Ahnung hatte, wer am anderen Ende der Leitung war, wenn es klingelte.), fällt mir deutlich leichter als selber wo anzurufen.
Selbst bei einem lieben Freund, der mich meist mehrmals pro Woche anruft und mit dem ich wirklich schon viele, viele Stunden telefoniert habe und wo sich das auch kein bisschen merkwürdig anfühlt, fällt es mir immens schwer, ihn ein paarmal pro Jahr selber anzurufen.

*

Letzte Woche Dienstag als wir im Spanischkurs ausmachten, den letzten Termin des Kurses wieder mal bei spanischem Essen statt spanischen Verben zu vertrödeln, fragte unsere charmante Kursleiterin natürlich wieder ausgerechnet mich, ob ich den Tisch in der Tapasbar reservieren könnte. Ich weiss nicht weswegen, aber das hat sie tatsächlich bisher jedesmal gemacht – also ausgerechnet mich danach gefragt. Und ich stammele dann jedesmal sehr verlegen, dass es mir lieb wäre, wenn das jemand anderes machen könnte, weil ich nicht so gut telefonieren kann, was sie jedesmal mit einem ‘Aber da musst du nicht Spanisch sprechen am Telefon. Die können Deutsch.’ quittiert, was mich dann jedesmal dazu bringt, zu sagen, dass es nicht an der Sprache sondern am Telefonieren grundsätzlich liegt, während ich am liebsten im Boden versinken würde.

Eine andere Teilnehmerin des Kurses (und ich glaube, es ist auch immer die gleiche, die mich aus der Situation rettet) hat dann den Anruf übernommen und via Rundmail alle über die Reservierung informiert. Mir fiel auf, dass einer der Teilnehmer, der nun auch ausgerechnet in dieser Stunde, als wir das planten, nicht da war, nicht mit im Verteiler stand und ich fragte bei unserer Spanischlehrerin nach, ob sie seine Mailadresse hat und ihn vielleicht informieren kann. Mailadresse hatte sie nicht, aber seine Telefonnummer, die sie mir prompt in die Antwortmail schrieb, damit ich ihm Bescheid sagen könnte. Äh ja. Ich hab also am Wochenende dreimal (so viele Anläufe brauchte ich, um ihn tatsächlich zu erreichen) todesmutig das Telefon in die Hand genommen, um Bescheid zu sagen. (Und dann war der gestern nicht mal da, obwohl er eigentlich kommen wollte!1elf :D)

Gestern in der Bar fragte dann die Kursleiterin, ob ich ihn erreicht hätte und ich bejahte und ergänzte grinsend, dass das ja heldenhaft war, ausgerechnet mir die Telefonnummer zu geben, wo ich ja gerade ein paar Tage vorher wieder erzählt hatte, dass ich nicht (gut) telefonieren kann. Ich glaube, ihr ist jetzt zum ersten Mal klar geworden, was ich damit meine. Andererseits war das ja auch irgendwie wieder mal eine gute Übung, ich will das ja schon gerne wieder besser können. Äh ja, jetzt wissen das auch wirklich alle, die da waren und die Reaktionen waren so unerwartet positiv und irgendwie rührend. Vom Angebot, sowas beim nächsten Mal einfach per Mail weiterzugeben bis zum Angebot, mit ihnen allen telefonieren zu üben, falls ich mag, weil ich sie ja nun kenne und sie das auch wissen.

Und eine der Frauen, die in die gleiche Richtung geparkt hatte, hat mir beim Abschied an der Ecke, wo sich unsere Wege trennten, noch meine Nummer abgerungen und meinte, sie ruft mich während der Kurspause mal an.

Ich bin ja meist echt sparsam damit, jemandem von diesen Problemen zu erzählen (also ausser natürlich hier im Blog, ihr bekommt das alles geballt ab ;)), aber so viele offene und freundliche Reaktionen gestern Abend, haben mir echt das Herz gewärmt. Das fühlte sich da auch gar nicht schräg an und komisch und ich hatte mal nicht das Gefühl das nur drucksend und stotternd erzählen zu können.

*

Einer meiner Lieblingssongs der 80er schlich sich bei der Suche nach einem Titel für den Eintrag in mein Ohr und ich kann seitdem nicht aufhören zu summen.

Katja

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19 thoughts on “Hold the line

  1. :]

    (Sperrmüll bestelle ich “immer” online (danke große Stadt) und beim Friseur renne ich lieber gleich vorbei. Nur beim Tätowierer, da geht weder das eine noch das andere *Schiiieb*)

    Tanya, die gleichen Telefonschieberein immer als sympathische Macke verkaufend

    • :)!
      Ich glaube, das einzige, was man in der Umgebung hier online erledigen kann, ist das Bestellen von Wunschkennzeichen für’s Auto. Friseur mache ich mal anrufend, mal vorbeigehend, will ich was von der Stadtverwaltung, gehe ich immer hin und verteidige das vor mir selber damit, dass ich ja dann auch direkt gelbe Säcke dort holen kann.
      Grundsätzlich will ich ja gerne wieder telefonieren können – ich meine, ich wüsste gerade nicht mal, ob ich einen Notruf hinbekäme. Vermutlich schon, in Notsituationen funktioniert mensch ja anders, aber wohler wäre mir, darüber nicht zweifeln zu müssen.

      • Ich habe festgestellt das, wenn ich unbedingt _muss_ auch einfach anrufe, vor allem wenn ich es schaffe nicht weiter drüber nachzudenken. Von daher gehe ich davon aus, dass das auch in einem Notfall klappen würde. Nicht darüber nachdenken, so komme ich da durch :)

        Tanya, die “Telefonmacke” allerdings entgegen aller Klischees auch schon bei vielen Frauen getroffen habend

      • Das stimmt mit dem Nachdenken. Je länger ich zögere, desto schwieriger wird es dann oft auch.
        Was mir des Notfalls wegen Sorge macht ist die Panik. Die lähmt mich immer sehr, deswegen weiss ich nicht, ob das hinhauen würde. Aber ist ja nur graue Theorie und Spekulation – wobei ich nicht scharf drauf bin, mir in einer echten Situation Gewissheit zu verschaffen, wie’s denn nun ist…

  2. endlich hab ich mal das gefühl, dass es jemandem genauso geht wie mir! wobei vermeidung wahrscheinlich der falsche weg ist, ich mache termine bei arzt und frisör grundsätzlich persönlich aus. zu ämtern geh ich auch in persona (und warte dann halt stundenlang- wie hirnrissig, ist das eigentlich??) und auch sonst vermeid ichs diesen höchst seltsamen apparat zu benutzen – wüsst zu gern, wie dieses frautelefoniertständig-gerücht in die welt kam. vielleicht sollt ich mir ein beispiel nehmen und das mit dem telefon täglich üben. danke für deinen beitrag! :)

  3. “…aber so viele offene und freundliche Reaktionen gestern Abend, haben mir echt das Herz gewärmt…”

    Ich glaube ja noch immer an das Gute im Menschen! Und ich bin mir sicher, dass das offene Aus- oder Ansprechen von Problemen, Ängsten usw. auch zu positiven/verständisvollen Reaktionen führt. Und das Angebot, mal in lockerer Runde zu telefonieren, um es Dir leichter zu machen zeugt doch davon, dass die Mitmenschen auch gerne helfen möchten. Ich fand das richtig schön, zu lesen.

    Und daumenhoch, dass Du es geschafft hast, den Hörer in die Hand zu nehmen :D

    – Und ich sehe gerade, dass Du den Herrn Kerkeling gerade auf seinem Weg begleitest… da bin ich schon ganz gespannt, ob du auch sofort aufspringen und loslaufen willst, so wie es mir erging, nachdeme ich das Hörbuch hörte. Bitte unbedingt berichten!

    • *vordrängel*
      MIR ging es jedenfalls ganz genauso. Also das ich los laufen wollte, am liebsten sofort. Also, sollte Katja los laufen wollen, dann lasst uns doch alle laufen, los, quasi.

      Tanya, wirr über gleiche Motivationen berichtend :))

    • Ja, die haben wirklich alle ganz schnuffig reagiert. Ich hab das aber auch schon erlebt, dass es Menschen unangenehm ist, wenn man ihnen sowas erzählt, weil sie nicht so recht wissen, wie sie reagieren sollen. Dieses betretene Gefühl möchte ich meist anderen gerne ersparen, weil sich das auch für mich shice anfühlt und ich dadurch ziemlich verunsichert werde. Aber in dieser Runde an dem Abend war’s völlig ok und nichts fühlte sich blöd an. :)

      Der Herr Kerkeling ist Hammer! Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das zu lesen, wenn nicht ein Freund es mir sehr nachdrücklich empfohlen hätte. (Allerdings auch das Hörbuch und die sind ja nicht so meine Freunde.)
      Und ja, da ist dieser Teil von mir, der bereits nach ein paar Seiten (der hatte mich ganz schnell in seinem Bann) am liebsten mitgelaufen wäre, aber da ist auch dieser größere ziemlich weichgespülte Teil, der mit einer Wahnsinnsangst – alleine beim Gedanken daran – reagiert.

      • Ich hab auch nicht im Traum daran gedacht, mir den Kerkeling jemals anzutun… und bekam ihn letztlich auch nachgeworfen – als HB. Und mittlerweile laufe ich mit ihm immer virtuell, wenn sich mal alles so richtig daneben anfühlt und am Ende der Hör-Tour bin ich wieder gut drauf! :D

        Und wie Tanya schon schrieb: lass uns doch alle laufen… :)

      • Glaub ich gerne, das mit dem gut drauf sein. Ich hab in der Tat überlegt, ob ich damit dem Hörbuch als solchem nochmal eine Chance geben sollte. Ich hab das eh so, wenn ich Bücher lese von Menschen, deren Stimme ich kenne, dass ich die dann im Kopf höre (geht mir bei Sven Regener ganz extrem so und deswegen liebe ich seine Bücher so, weil die sich alle so’n bisschen schräg anfühlen wie ein überlanger EoC Song) – bei Hape Kerkeling fände ich’s glaube ich, tatsächlich nett, ihn echt zu hören wie er mir das vorträgt.

        Und wegen Laufen: Ich glaube ihm das auf’s Wort, dass man sowas nicht zusammen machen kann, sondern dass jeder nach seinem Rhythmus laufen muss. Das ist mit eines der Dinge, die mir daran solche Angst machen würden – da ganz alleine rumzukraxeln. :)

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